Löwen-Senioren-Paar im Zoo Duisburg (2014) | Foto: zoos.media

… und sie leben doch länger

Exklusiv für zoos.media – 07.11.2016. Autor: Philipp J. Kroiß

Eine Studie, die in einem renomierten Journal veröffentlich wurde, belegt nun, was häufig schon gemutmaßt wurde: Zootiere leben länger als ihre wilden Artgenossen.

Die Studie, mit der merkenswerten Kurzzitation Tidière, M. et al. (2016), ist ein wichtiger Meilenstein in der Forschung des Bereichs der Tiergartenbiologie. Wie die Wissenschaftler in ihrer Einleitung richtig erklären, galt es schon lange als common sense, dass Tiere in Zoos älter werden als in der Wildbahn. Zoogegner haben diese Faustregel immer bestritten und nun hat die Wissenschaft sie eines Besseren belehrt.

Mehr als 50 Säugetierarten getestet

Für die über fünfzig Tierarten wurden, für beide Geschlechter und artspezifisch, die wichtigsten Überbensdaten ermittelt – sowohl für Wildpopulationen, als auch für Zoopopulationen. 84% dieser Arten werden im Zoo älter als in der Wildbahn. Dadurch wurde nun auch wissenschaftlich in einem allseits akzeptieren Journal festgeschrieben, was für viele schon als bewiesen galt.

„Our findings indicate that, in general, a life in zoos allows mammals to live longer.“
„Unsere Funde indizieren, dass, im Allgemeinen, ein Leben im Zoo es Säugtieren ermöglicht, länger zu leben.“
Tidière, M. et al. (2016)

Für moderne Zoos ist die Wissenschaft enorm wichtig: „Zootierhaltung muss unter wissenschaftlichen Kriterien beurteilt und weiterentwickelt werden. Die Ergebnisse der Studie entkräften das häufig von Zookritikern vorgebrachte Argument der ungewöhnlich hohen Sterblichkeitsrate von Zootieren und belegen, dass die Zoos den Tieren artgemäße Lebensbedingungen bieten“, sagt Volker Homes, Geschäftsführer des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ) in einer Pressemitteilung.

„Die vielleicht wichtigste Erkenntnis unsere Studie ist, dass das Leben in der Wildbahn kein Dasein unter paradiesischen Bedingungen ist“, erklärt Prof. Marcus Clauss, Professor für Vergleichende Verdauungsphysiologie von Wildtieren der UZH und Co-Autor der Studie. „Offenbar ist auch als Räuber das Überleben in der Natur nicht unbedingt leicht.“

Auf dem Weg zur 100%

Es gibt einige wenige Arten bei denen es noch nicht erreicht ist, dass sie länger leben als in der Wildbahn. Es stimmt aber positiv, dass gerade im Bereich der Haltung dieser Tiere in den letzten Jahren bereits Konzepte entwickelt wurden, ihre Haltung weiter zu optimieren. Diese haben aber natürlich noch keinen großen Niederschlag in der Statistik finden können, weil sie so verhältnismäßig jung sind. „Gerade bei den Menschenaffen wurden in den letzten beiden Jahrzehnten jedoch in einem enormen Umfang in neue Anlagen und Haltungssysteme investiert“, stellt Dr. Dennis Müller, Co-Autor der Studie und Direktor des Zoologischen Garten Halle fest und erläutert weiter: „Den Erfolg dieser Anstrengungen wird man aufgrund der Langlebigkeit dieser Arten jedoch erst in 20 – 30 Jahren statistisch belegen können.“

Eine der fraglichen Arten ist der Schimpanse. Aber, wie bei den anderen Arten, ist der Unterschied kein großer: der gemeine Schimpanse (Pan troglodytes) wird in der Wildbahn rund 35 Jahre alt und in Zoos rund 30. Neben der enormen Entwicklung der Haltung dieser Tiere in den letzten Jahren, ist bei dieser Art auch noch zu bedenken, dass Zoos häufig Tiere aus Haltungen, die die Wissenschaft als nicht artgemäß bezeichnen würde, aufnehmen: so etwa rettete der Loro Parque zum Beispiel Schimpansen von Straßenfotographen und übernahm auch eine ganze Gruppe aus nicht  adäquater Haltung.
Dass solche Tiere ein gewisses Erbe der vorherigen nicht artgemäßen Haltung mit in den Zoo bringen, ist klar. Ähnlich verhält es sich auch bei den beiden einzigen anderen getesteten Primatenarten, die in der Wildbahn noch älter werden als in Menschenobhut: Diademmeerkatzen (Cercopithecus mitis), aber besonders (Weißschulter-) Kapuzieneraffen (Cebus capucinus) werden nicht selten als einfache Haustiere missverstanden und landen dann später in Zoos, weil die entsprechenden Besitzer komplett überfordert mit ihren Zöglingen sind und ihnen nicht die Haltung bieten können, die sie benötigen. Solche Tierrettungen durch Zoos fließen dann natürlich auch in die Statistik ein.

Zoopopulationen von enormer Wichtigkeit

„Angesichts des massiven Artensterbens im Freiland durch die Vernichtung von Lebensräumen sind die Zootierpopulationen von unschätzbarem Wert für den Erhalt der biologischen Vielfalt“, erklärt Volker Homes vom VdZ.  Die Tatsache, dass die Zootiere länger leben, stärkt natürlich die genetische Reserve und deren Ausbau, sowie die zahlreichen Zuchtprogramme und Wiederauswilderungsprogramme: sie gibt den Tierschützern mehr Zeit.

Jüngst erst erklärte Dr. Arnulf Köhncke vom WWF wie wichtig Zoos für den Artenschutz sind. Somit sind dies auch für Menschen, die sich, wie die Zoos, dem Schutz der Tiere, sowie deren Arten und Lebensräumen verschrieben haben, gute Nachrichten.
Wer sich heutzutage glaubhaft für den Arten- und Habitatschutz einsetzen will, weiß Zoos an seiner Seite, die nicht nur bedeutende Financiers von wichtigen Projekten sind, sondern auch mit Wissen und Erfahrung wertvolle Unterstützung leisten. Dass man heute Arten so schützen kann, wie man es tut, verdankt man im Wesentlichen den modernen Zoos, die eben nicht nur die Haltung der eigenen Tiere optimieren, sondern auch die Situation deren wilder Artgenossen verbessern.