Buckelwal vor der Insel Moorea | Foto: Charles J. Sharp, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Robert Marc Lehmann: Widersprüchliche Absage für Buckelwal

Exklusiv für zoos.media – 06.04.2026. Autor: Philipp J. Kroiß

Nun will der YouTuber Robert Marc Lehmann anscheinend dem Buckelwal, der unter dem Namen Timmy bekannt geworden ist, doch nicht zur Hilfe eilen und erklärt seine Gründe dafür. In dieser Erklärung tauchen aber Widersprüche auf.

Buckelwal in der Dominikanischen Republik | Foto: Christopher Michel, Lizenz: CC BY 2.0

Robert Marc Lehmann: Widersprüchliche Absage für Buckelwal

In etwas mehr als neun Minuten erklärt Robert Marc Lehmann in seiner Story, warum er nun doch nicht dem als Timmy bekannten Buckelwal in der Ostsee, nach Einladung durch Minister Till Backhaus (SPD), zur Hilfe eilt. In den einzelnen Story-Posts versucht er die Gründe zu erklären. Allerdings fallen schnell Widersprüche auf.

„Ich bin nur ein Mensch“

Zu Anfang hält es der YouTuber für wichtig zu betonen, dass er kein Museum ist. Er sei auch keine NGO. Dass er selbst keine Organisation ist, mag nachvollziehbar sein. Trotzdem betont er immer wieder seine Verbindung zum Verein Mission Erde. Er nennt auch seinen YouTube-Kanal „Robert Marc Lehmann – Mission Erde“. Daher mag es schon nachvollziehbar sein, wenn Menschen ihn mit einer NGO assoziieren.

„Ich bin ein singulärer, ein einzelner Mensch“, betont er nachdrücklich. Das wird später wichtig. Anschließend kommt er auf die Umstände seiner Einladung zu sprechen. Später dann erklärt er: „Ich mach ständig Krisen-Meetings mit einem Team, weil ich eigentlich immer los will.“ In Beratungen mit diesem Team würde das Contra, also die Argumente gegen ein Eingreifen, massiv überwiegen.

Nur wenige Minuten liegen zwischen beiden Aussagen. In kurzer Zeit wurde aus dem Einzelkämpfer jemand, der im Team Entscheidungen trifft und bespricht. Es spricht gar nichts dagegen, sich im Team zu beraten. Allerdings ist man dann eben nicht mehr einzeln im Sinne der Wortbedeutung.

Also doch nicht so alleine?

In einer späteren Story liest man dann auch: „Es nimmt mich / uns massiv mit …“ Manch einer mag sich hier an einen Buchtitel von Richard David Precht erinnert fühlen: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ Aber Ironie und Parodie beiseite: Man ist eben entweder im Team oder als Einzelkämpfer unterwegs. Beides gleichzeitig geht nicht.

„Ich bin nicht alleine damit: Mein Team ist sehr, sehr mitgenommen“, sagt er später als es darum geht wie angeblich nahe diese Entscheidung gegen eine Umsetzung des Rettungsplan ihm und seinem Team ginge. Das ist auch ein interessanter Zeitpunkt, an denen aus einem „ich“ ein „wir“ wird. Es ist ziemlich an dem Punkt, an dem es darum geht, dass eine Entscheidung getroffen wurde, von der anscheinend befürchtet wird, dass sie unpopulär sein könnte.

Junger Buckelwal | Foto: Widewitt, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Kostenvoranschlag unmöglich?

Als die Wiedereinladung gekommen wäre, sei er unter anderem gebeten worden, einen Kostenvoranschlag einzureichen. Seine Antwort wäre dann gewesen: „Einen Kostenvoranschlag mach ich nicht, weil ich will gar kein Geld.“ Es scheint dabei nicht klar zu sein, dass die Notwendigkeit von solchen Projekten einen Kostenvoranschlag zu machen, nicht davon abhängt, ob er selbst bezahlt werden will oder nicht.

Primär geht es bei so einem Kostenvoranschlag um die Kosten der Operation. Welche Unterstützung braucht er bei der Umsetzung? Was kostet das Material? Welche Geräte muss man mieten oder anschaffen? Muss was gebaut werden? Welches zusätzliche Personal wird gebraucht? Wie schaut es mit dem Risiko-Management aus? Wie schaut es mit der Haftung und Versicherungen aus? Diese Fragen müssen beantwortet werden.

Selbst wenn Robert Marc Lehmann kein Geld für sich selbst verlangt, muss die Finanzierung der Drittkosten geklärt sein. Behörden, wie das Ministerium von Herrn Backhaus, können Gelder nur bewilligen, wenn eine detaillierte Aufstellung vorliegt, wohin jeder Euro fließt. Das ist Standard. Jeder muss das tun. Es geht bei solchen Projekten eben nicht nur um den jeweiligen Protagonisten.

Mangelnder Support?

Euroscheine | Foto: Berthgmn, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Später geht er dann darauf ein, dass er nicht „als Einzelperson“ agieren könne, sondern den „Support von vor Ort“ brauche. So würden etwa Boote zum „Guiden“ gebraucht. Er benötige „die Hilfe und den Support von allen“. Er könnte sich nicht alleine „gegen alle Mächte“ durchsetzen.

Das ist nachvollziehbar. Allerdings müsste er das auch nicht. Damit aber eben diese Mittel vom Staat zur Verfügung gestellt werden können, braucht es den Kostenvoranschlag. Ein solcher ist auch nicht auf Heller und Pfennig exakt bindend. Das ist auch üblich. Bei 10-15% Überschreitung könnte sich das Ministerium nicht mal wirklich beschweren. Ab etwa 20% Überschreitung müsste er die nur kommunizieren, um dann weitere Gelder frei machen zu können.

Also, dass es angeblich an Support mangelt, liegt auch daran, dass es eben keinen Kostenvoranschlag gibt. Der könnte auch eine Grundlage für die angeblich mangelnde Rechtssicherheit darstellen. Wenn man den Ausgaben-Horizont aber nicht liefert, wie soll es dann etwas geben, das darauf basieren würde? Ohne Kostenvoranschlag kann ein Ministerium eben nicht wirklich was locker machen.

Kostenvoranschlag unbedingt nötig

Die Landeshaushaltsordnung (LHO) von Mecklenburg-Vorpommern kennt den § 7. Dieser schreibt vor, dass die Verwaltung nach den Grundsätzen der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit handeln muss. Ein Minister darf nicht einfach nach Gefühl Geld überweisen. Er muss nachweisen können, dass die Ausgabe notwendig und die Höhe angemessen sind.

Ein Kostenvoranschlag ist ein wichtiges juristisches Dokument. Warum? Es versetzt den Beamten in die Lage sagen zu können: „Ich habe geprüft, was es kostet, und halte diese Ausgabe für gerechtfertigt.“ Das ist eminent wichtig. Ohne diesen Beleg begeht der Beamte im schlimmsten Fall Untreue gegenüber dem Steuerzahler. Der Voranschlag versetzt die Behörde in die Lage einen Förderbescheid zu erstellen. Zahlt das Ministerium ohne Kostenvoranschlag und die Rettung kostet am Ende das Dreifache, hat das Ministerium ein massives Problem mit dem Rechnungshof.

Sobald der Staat eine Leistung einkauft, wie eben Kranmiete, Taucher, Expertenberatung oder Ähnliches, greift das Vergaberecht. Eigentlich müsste man es ausschreiben. Allerdings kann man bei Dringlichkeit, wie in diesem Fall, darauf verzichten. Trotzdem braucht es eine Dokumentation, warum genau dieser Preis an genau diese Person oder Firma gezahlt wird. Ein Kostenvoranschlag ist hier die absolute Minimalanforderung an die Dokumentation. Kann oder will man den nicht beibringen, ist die Umsetzung eines solchen Plan nie möglich. Eine Idee oder auch ein Plan allein reicht eben nicht aus.

Angefragtes Konzil

Dunkle Wolken über der Wismarer Bucht | Foto: Thomas Woodtli, Lizenz: CC BY-SA 2.0

„Das Einzige, worum ich gebeten hab, ist ein Online-Meeting mit den verbleibenden Experten, dass ich mir überhaupt mal […] ein Bild machen kann über den Gesundheitszustand des aktuellen Wals“, erklärt Lehmann. Er bekäme seit Tagen keine Informationen und dieses Meeting hätte auch nie stattgefunden. Diese Aussagen werden später wichtig.

Später sagte er nämlich: „Ich tausch mich natürlich … ich bin jeden Tag, stundenlang am Telefon mit allen möglichen Leuten, die involviert sind oder nicht involviert sind. Es wird beraten, diskutiert …“ Anschließend folgt ein Seufzen. Aufzufallen scheint ihm der Widerspruch nicht. Wenn er doch angeblich stundenlang mit involvierten Leuten telefoniert, warum will er noch ein Konzil? Warum gibt es Unklarheiten über den Gesundheitszustand? Hat ihn zudem auch niemand von den Leuten über die Notwendigkeit eines Kostenvoranschlags aufgeklärt?

Letztendlich kann es schwerfallen, das alles zusammen zu bringen. Man könnte es als massiv widersprüchlich bezeichnen. Anscheinend hält er, laut seinen eigenen Angaben, stundenlange Konzile mit involvierten Leuten. Dann kann die Beschwerde über das Fehlen eines Online-Meetings mit involvierten Leuten schon widersprüchlich wirken, wenn doch angeblich Austausch schon stundenlang stattfindet.

Fragwürdige Vorstellung zu medizinischem Eingriff

Anscheinend Teil des Plans war auch, das Maul des Buckelwals zu öffnen, um dem Netz habhaft zu werden. Mal abgesehen davon, dass überhaupt nicht klar ist, wie die Kosten-Nutzen-Abwägung für den Wal in seinem jetzigen Zustand für so einen Eingriff aussieht, also wie viel Risiko es für welche Vorteile gibt, sind die Vorstellungen von Lehmann dazu interessant.

Er wollte wohl, wie er in der Story skizziert, mit dem Luftkissen eines Wagenhebers das Maul des Tieres öffnen, um ein Endoskop einzuführen, damit er die Lage im Mundraum sondieren könne. „Das hätte ich mir alles zugetraut, aber auch da wurde öffentlich vom Minister gesagt: Das ist nicht meine Expertise, das muss ein ausgebildeter Tierarzt machen“, erklärt Lehmann mit dem Hinweis darauf, dass er nicht glaube, dass „ein Tierarzt ever auf der Welt daran ausgebildet wurde“ einem Bartenwal so einer Untersuchung zu unterziehen.

Natürlich sind aber Tierärzte ausgebildet, endoskopische Untersuchungen zu machen. Entsprechende Fachtierärzte mit Wal-Erfahrung wissen auch wie man einen Wal endoskopiert. Das ist aber nicht mal so entscheidend. Laut der Bundes-Tierärzteordnung dürfen medizinische Diagnosen und Eingriffe am lebenden Tier grundsätzlich nur von Personen durchgeführt werden, die eine Approbation als Tierarzt besitzen. Daran gibt es auch bei so einem vorbereiteten Fall nichts zu rütteln.

Mangelnde Rechtssicherheit – aber für wen?

Es ist schon spannend, wenn sich Lehmann dann vorher über mangelnde Rechtssicherheit beklagte, aber nun so etwas vorschlägt. Einmal kann das Ministerium ihm das formaljuristisch gar nicht wirklich erlauben. Würde es dies trotzdem tun, besteht massive Rechtsunsicherheit. Warum? Geht bei dem experimentellen Eingriff was schief, zöge das Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auch gegen das Ministerium nach sich, das quasi in einer Haftungsfalle sitzt.

Zusammen mit dem fehlenden Kostenvoranschlag, ergibt sich rechtlich ein Alptraum-Szenario für das Ministerium. Letztendlich scheint hier Robert Marc Lehmann – eventuell mit Team oder halt nicht, wohl wie es gerade passt – so etwas wie einen Blankoscheck zu erwarten. Den hat aber kein Wal-Retter irgendwo auf der Welt im realen Leben.

Zudem muss man sich fragen: Warum sollte man bei einer Endoskopie denn nicht auf einen Profi setzen wollen? Wenn man das Beste für den Wal will, könnte man doch vermuten, dass auch ein Interesse daran besteht, für verschiedene Aufgaben im Rahmen eines solchen Plans auch entsprechende Fachleute zu ihrem Fachbereich passende Aufgaben zu geben. Für eine Endoskopie gibt es keine besseren Fachleute als Tierärzte.

Selbstreflexion?

„Seid lieb zueinander“, appelliert Lehmann zum Schluss. Dass das auch der Schriftzug einer neuen Kollektion im schon von uns kritisch betrachteten Mission Erde Shop ist, wird vielleicht nicht wenige überraschen. Dann folgen Worte, dass man doch von Anfang an zusammenarbeiten solle. Das mag sein, aber man könnte meinen, dass zu Zusammenarbeit auch gehört, Pläne zu präsentieren, die letztendlich machbar und fertig vorbereitet sind.

„Mein letzter Kommentar an dieser Stelle zu dem Thema“, erklärt er und beendet die Story. Man könnte aber eben unterstellen, dass zum Appell „Whale First“ auch gehört, eben keine Pläne für durchsetzbar zu halten, die es in der in dieser Story präsentierten Form offenbar gar nicht sind. So wird sich Lehmann mit diesem Statement wohl keinen großen Gefallen getan haben.

Schließlich wurde offensichtlich, das, was er angeblich vorgeschlagen hat und umsetzen wollte, in der Form gar nicht möglich war. Dann aber zu monieren, dass der unmögliche Vorschlag nicht umgesetzt wurde, ist ein bemerkenswerter Vorgang. Sich dabei dann auch immer wieder in Widersprüche zu verstricken, ist der Sache auch nicht zuträglich.

Was bleibt?

Nachdem Lehmann also offiziell erklärt hat, das Thema nicht mehr kommentieren zu wollen, steht nun die Frage im Raum: Was hat dieser Einsatz jemals bewirkt? Es gibt letztendlich nur einen offenbar ziemlich unausgereiften, nicht wirklich umsetzbaren Plan. Der ist also ohnehin nichtig. Was also bleibt, ist diese Aktion, die von zoos.media pointiert als „Wal-Show in der Lübecker Bucht“ bezeichnet wurde.

Wenn man sich also fragen will, was der Einsatz von Lehmann gebracht hat, muss an reflektieren, ob der Verlauf durch das Wegbleiben der Wal-Show sich zum Negativen verändert hätte. Es gibt gute Gründe, das zu verneinen. Daher kann man auch einen positiven Beitrag des ganzen Online-Brimboriums durchaus begründet in Abrede stellen.

Auf Instagram beschwerte sich Lehmann Ende des letzten Monats darüber, die Verantwortlichen hätten ihm „Selbstdarstellung“ unterstellt, berichtete zum Beispiel ntv. Daraus wurde ein Skandal gemacht, die Online-Meute auf die angeblich für die Unterstellung verantwortlichen Personen gehetzt, obgleich die beteuerten, dass es diesen Ausschluss nie gegeben habe. Anhand dieser letzten Stories von ihm kann man sich nun fragen: Was war es denn je wirklich mehr als Selbstdarstellung? Die Antwort auf diese Frage wird nun jeder selbst finden müssen.

Diesen Beitrag teilen