Zwei Gemeine Putzerfische (Labroides dimidiatus) kümmern sich um einen Gefleckte Riesenzackenbarsch | Foto: Richard Ling, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Hat ein kleiner Fisch den Spiegeltest widerlegt?

Exklusiv für zoos.media – 15.12.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Testergebnisse von Putzerlippfischen stellen gerade den Spiegeltest massiv in Frage. Dieser Artikel schaut auf eine interessante und revolutionäre Diskussion innerhalb der Kognitionsforschung.

Hat ein kleiner Fisch den Spiegeltest widerlegt?

Kognitionsforschung ist nicht unkompliziert, aber sie hat einen sehr bekannten Versuch, den die meisten Menschen kennen und anhand dessen Wissenschaftler immer wieder Beeindruckendes bewiesen haben wollten: den Spiegeltest. Die Seite animalcognition.org führt eine Liste der Tiere, die den Spiegeltest bestanden haben – wir berichteten. Von der kleinen Ameise bis zum riesigen Schwertwal waren einige wenige Arten dabei. Nun bestanden Putzerlippfische diesen Test auch – genauer: Gemeine Putzerfische (Labroides dimidiatus).

Bewiesen haben das Alex Jordan und seine Co-Autoren. Er sagt klar: “Entweder muss man akzeptieren, dass der Fisch sich seiner selbst bewusst ist, oder mann muss akzeptieren, dass dieser Test möglicherweise das gar nicht testet.” Das klingt erstmal sehr rabulistisch, weil der Spiegeltest so unumstößlich scheint. Für viele ist der sprichwörtliche Drops gelutscht und Fische werden schon auf den Status eines Menschen hochgelobt und zu einem illustren Club von Lebewesen gezählt. Jordan allerdings tritt hierbei auf die Bremse: “Ich bin der Letzte, der sagt, dass Fische so schlau sind wie Schimpansen. Oder dass der Putzerfisch äquivalent zu einem 18 Monate alten Baby ist. Er ist es nicht.” Der Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts geht sogar noch einen Schritt weiter: “Der Spiegeltest ist wahrscheinlich kein Test für Selbstwahrnehmung.

Was testet der Spiegeltest denn jetzt?

Ursprünglich wurde er entwickelt, um eben gerade Selbstwahrnehmung zu testen – und zwar wesentlich von Gordon Gallup vor etlichen Jahrzehnten. Es geht darum, ob das gesteste Lebewesen das Konzept eines Spiegels versteht. Warum ist das wichtig? Die Idee ist, dass man durch den Spiegel zum Objekt der eigenen Wahrnehmung wird, besagt: wer sich selbst im Spiegel erkennt, denkt über sich nach und setzt sich mit seinem Sein auseinander – zumindest beim Menschen ist es so. Gallups These ist im Wesentlichen darin ausgedrückt, wenn er schreibt: “Sobald Sie zum Objekt Ihrer eigenen Aufmerksamkeit werden können und anfangen können, über sich selbst nachzudenken, können Sie Ihre Erfahrung nutzen, um auf vergleichbare Erfahrungen bei anderen zu schließen.”

Das Problem dabei: Was Gallup sagt, gilt sicher für Menschen im Vollbesitz seiner kognitiven Fähigkeiten, aber inwieweit das für Tiere gilt, ist unklar. Was Gallups Zitat aber sehr gut zeigt, ist, wie sehr das Verstehen des Konzepts eines Spiegels durch menschliche Projektion in das Tier aufgeladen wird. Denn letztendlich testet der Spiegeltest nur, ob das Tier das Konzept des Spiegels versteht. Grob und vereinfacht zusammengefasst geht es darum, ob ein Tier erkennt, das es einen Makel im Spiegelbild gibt und darauf mit spezifischem Verhalten reagiert. Der Putzerfisch bekam eine Markierung und als er versuchte, diese zu entfernen, schloss man: Der hat das Konzept verstanden und nimmt sich selbst im Spiegel auch als sich selbst wahr.

Nichtbestehen des Spiegeltest manifestiert sich dann meist dadurch, dass das Tier auf das Spiegelbild reagiert wie auf einen Artgenossen oder eben gar nicht. Das Problem dabei ist, dass das Bestehen auch antrainierbar ist, was bei Rhesusaffen der Fall war, die in wenigen Wochen darauf trainiert werden konnten, den Spiegel als Werkzeug zu nutzen, um die Position des Punktes eines Laserpointers im Raum zu bestimmen – so auch auf sich selbst. Das heißt, eigentlich haben die Tiere den Test nicht bestanden, aber gelernt den Spiegel einzusetzen. Dieses eigentlich widersprüchliche Ergebnis wirft ein Dilemma auf, das nun der Putzerfisch noch auf die Spitze treibt: Was testet man da eigentlich wirklich?

Einigkeit bei Uneinigkeit

Delfinkalb Debbie im Zoo Duisburg putzmunter | Foto: zoos.media

Delfine bestehen den Spiegeltest, oder? “Ja, klar”, mag man antworten, denn man liest es überall. Das geht wesentlich auf die Forschung von Diana Reiss zurück und sie arbeitete daran sowohl mit Gallup als auch mit anderen Wissenschaftlern. Während sie ganz klar sagt, dass die Tiere den Test bestehen, sieht Gallup das anders. Für ihn haben nur drei Lebewesen – Menschen, Schimpansen und Orang-Utans – den Test bestanden; in allen anderen Fällen würde man Verhaltensreaktionen missdeuten. Auch die Studie am Putzerfisch sieht er kritisch und es als nicht hinreichend bewiesen an, dass das Tier ihn, trotz Einhaltung aller Vorgaben, wirklich bestanden habe.

Darin ist er sich mit Reiss dann wieder einig, die die Konklusionen zu den Putzerlippfischen auch anzweifelt. Sie sieht allerdings im Spiegeltest überhaupt nur einen Test für einen Aspekt der Selbstwahrnehmung und erklärt, dass daran doch nicht der ganze Rattenschwanz dranhängt, den man üblicherweise in die Ergebnisse hereininterpretiert. Die Biologen Marc Bekoff von der University of Colorado, Boulder und Paul Sherman von der Cornell University haben ein Spektrum der “Selbsterkenntnis” vorgeschlagen, das von hirnlosen Reflexen bis hin zu einem menschenähnlichen Selbstverständnis reicht.

Das führt uns wieder zu der Frage, was der Spiegeltest eigentlich testet. Jordan unterstützt durchaus die These mit dem Spektrum und ordnet die Putzerfisch am unteren Ende des Erkenntnisspektrums ein und auch andere Unterstützen seine Thesen, dass der Spiegeltest gar nicht das testet, was er eigentlich testen soll. Das ist ein sehr emotionales Thema, weil der Test als Galionsfigur dieses Forschungszweiges, zumindest von der Öffentlichkeit, wahrgenommen wird. “Ich denke, die Gesellschaft wünscht eine Revision und eine Neubewertung, wie wir verstehen, was Tiere wissen”, erklärt Jordan.

Studie ist bahnbrechend

Goriallanachwuchs im Zoo Duisburg | Foto: zoos media, Lizenz: Erlaubnis des Fotografen

Was die Studie so bahnbrechend macht, ist, dass nicht nur ein paar Putzerfischen der Spiegel vorgehalten wurde, sondern auch der Kognitionswissenschaft der Spiegel vorgehalten wird. Inwiefern ist nämlich Selbstwahrnehmung wirklich Selbstwahrnehmung? Bedeutet das für ein Tier, das seine Welt ganz anders wahrnimmt als Menschen, nicht auch etwas völlig anderes? Bedeutet das Verständnis des Konzepts “Spiegel” auch gleich ein tiefes Verständnis des eigenen Selbst? Auch der Mensch nutzt Spiegel als Werkzeuge – beim Autofahren etwa. Wer in den Rückspiegel schaut, versteht das Konzept des Spiegels, aber findet sich nicht auf dem Pfad der Selbsterkenntnis, sondern achtet eher darauf, dass er beim Einparken nicht etwas anderes in Schrott verwandelt.

Abseits von diesem platten Beispiel müssen wir aber natürlich auch konkret in die Tierwelt schauen. Schimpansen bestehen zwar den Spiegeltest, scheitern aber an Gallups Folgerungen. Erinnern wir uns an eine wesentliche Prämisse Gallups: “Sobald Sie zum Objekt Ihrer eigenen Aufmerksamkeit werden können und anfangen können, über sich selbst nachzudenken, können Sie Ihre Erfahrung nutzen, um auf vergleichbare Erfahrungen bei anderen zu schließen.” Schimpansen sind sehr faszinierend, weil sie untereinander so unfassbar zärtlich und liebevoll sein können, wie sie untereinander auch unfassbar brutal und erbarmungslos sein können – ähnlich wie es bei vielen anderen Tieren der Fall ist.

Schimpansen bringen sich gegenseitig um und betreiben “Kannibalismus”, in Delfingruppen werden “Vergewaltigungen” beobachtet. Diese vom Menschen als Straftaten angesehenen Handlungen passieren zwar unter Menschen auch, aber der entscheidende Unterschied ist, dass die Taten bei Menschen sozial geächtet werden. Das liegt beim Menschen daran, dass sich andere Menschen in die Opfer hineinprojizieren können und so eine Idee davon bekommen, welches unsagbare Leid solche Straftaten bei Opfern hervorrufen. Bei Tieren fehlt ein solcher Nachweis. Wenn eine Schimpansengruppe das Alpha-Männchen tötet und frisst, wird einer der Mittäter das neue Alpha-Männchen und der Vergewaltiger wird bei Delfinen wieder ein Weibchen finden, dass sich mit ihm fortpflanzt und nicht sozial exkludiert.

Dieses Verhalten wirft Fragen auf. Wieso schließen Tiere, die angeblich über eine entsprechende Selbstwahrnehmung verfügen, offenbar nicht von sich auf andere? Also entweder finden sie diese Straftaten auf welche Weise auch immer akzeptabel, es ist ihnen völlig egal oder sie bringen diese Transferleistung nicht zu Stande, die für uns eng mit der Selbstwahrnehmung verbunden ist und Gallup letztendlich damit ja auch implizierend verbindet. Das spricht wieder für die These eines Selbsterkenntnis-Spektrums – das dies eben nicht für jedes Lebewesen das gleiche bedeutet. Wie Jordan schon richtig sagt: der Putzerfisch ist kognitiv kein verhinderter Mensch mit Schuppen, sondern schlicht kognitiv, trotz Gemeinsamkeiten bei Testergebnissen, unvergleichbar.

Das führt uns zu einem sehr wichtigen Zitat von Sozialpädagoge und Psychoanalytiker Prof. Dr. Jürgen Körner, das etwas entscheidendes Zeit: Empathie ist nicht Kognitionsforschung. „Der Mensch versucht sich mit Hilfe der Einfühlung, in die Tiere hinein zu versetzen. Allerdings ist diese Einfühlung immer illusionär. Denn natürlich wissen wir nicht einmal, was in einer anderen Person, also ihrer Nachbarin, ihrem Nachbarn, und erst recht nicht, was in einem Tier vorgeht. Zu dem ist unsere Einfühlung niemals frei von unseren eigenen Fantasien und Wünschen. Sie ist ein Deutungsversuch, in dem wir allzu leicht unsere eigenen Absichten und Bedürfnisse zur Geltung bringen. Denn die Frage, was fühlt der Andere jetzt, ist doch eine Frage, die wir an uns selbst stellen. Was würde ich jetzt an seiner Stelle fühlen? Wir können gar nicht wissen, was ein Tier wirklich erlebt. Wir nehmen es so, als wäre es ein Mensch. Aber was wir für es fühlen, ist unser Gefühl und nicht seines.“ An diese Worte muss man sich halten, wenn man nun den Spiegeltest deutlich evaluiert und wahrscheinlich auch revolutioniert – und das alles wegen ein paar kleinen Putzerlippfischen.