Giraffe in Lewa | Foto: Kevin Walsh (kevinzim), Lizenz: CC BY 2.0

Tourismus-Lockdown tötet weiter bedrohte Tiere

Exklusiv für zoos.media – 24.08.2020. Autor: Philipp J. Kroiß

Die Folgen vom Tourismus-Lockdown werden immer offensichtlicher. Dieser Artikel schaut nach Kenia, wo aus wirtschaftlicher Not nun bedrohte Tiere bejagt werden.

Tourismus-Lockdown tötet weiter bedrohte Tiere

Ein Lockdown ist nicht kostenlos – das bezieht sich nicht nur auf das Wirtschaftliche: in Großbritannien schätzt man, dass die Folgen des Lockdowns dort 200.000 Menschen das Leben kosten –  neben den Verlusten, die das Virus selbst verursacht. Was der Lockdown für Tiere bedeutet, wird aktuell nicht beziffert, aber aufgrund der dadurch bedingten Verschlechterung der Situation der Zoos könnten viele Arten aussterben – wir berichteten. Allerdings gibt es neben den langfristigen Folgen, die zu befürchten sind, auch bereits aktuelle Kosequenzen, die im Lebensraum selbst spürbar sind. Durch die Medien gingen die etwa die Elefanten:

Coronavirus: Ohne Tourismus, keine Elefanten

Jagd auf Tiere – aus Not!

In der Artenschutz-Bewegung hat man sich in den letzten Jahrzehnten konsequent vom Tourismus abhängig gemacht, denn die Zuhilfenahme des Tourismus war der einzige Weg, die notwendigen Schutzgebiete für bedrohte Arten finanzierbar zu machen. Der Lockdown hat genau diesen Wirtschaftszweig völlig desaströs getroffen. Das Bruttoinlandsprodukt etwa von Kenia hängt zu 9% vom Tourismus ab – und dieser Tourismus ist nun praktisch nicht mehr existent. Eine Folge sind Millionen von Arbeitslosen, weil der Tourismus-Sektor durch die Lockdown-Politik praktisch ausgelöscht wurde und nicht klar ist, ob er nochmal zurück kehrt.

Nun passiert das, was zu erwarten war: aus der Not wird Jagd auf Tiere gemacht, weil sie ihren touristischen Wert praktisch verloren haben, denn ein Ende der Lockdown-Politik, die zwar durchaus nicht alternativlos ist, aber von vielen Ländern bevorzugt wird, ist nicht in Sicht.

Die ländliche Bevölkerung, die aktuell massiv in Not ist, bejagt nun die Tiere. Diese haben die Menschen zuvor über den Tourismus ernährt, nun nutzen sie die Tiere direkt als Nahrungsquelle. Europa kann sich leisten, die Wahrnehmung der Folgen des Lockdowns quasi zu verzögern – zum Beispiel durch eine legalisierte Insolvenzverschleppung in Deutschland, sodass die Pleiten nicht oder erst später sichtbar werden. In Afrika aber kann man sich so etwas nicht leisten: die Menschen spüren die Kosten des Lockdowns unmittelbar und extrem essentiell, denn wer keine Arbeit hat, hat kein Geld, wer kein Geld hat, bekommt nichts zu essen und muss auf die wenigen humanitären Hilfen hoffen oder geht eben selbst jagen.

Lockdown wird auch weiter Leben kosten

Wann und ob überhaupt nochmal Artenschutz-Tourismus in Gang kommt, ist unklar, was auch daran liegt, dass Maßnahmen gegen das Coronavirus kaum evaluiert, dafür aber reichlich – auch emotionalisiert – diskutiert werden. Tatsächlich werden Maßnahmen in der Wissenschaft sehr kontrovers diskutiert, aufgrund einer Kosten-Nutzen-Abwägung, die allerdings in einer globalisierten Welt nicht so einfach ist. Der Natur- und Artenschutz und seine Bedürfnisse spielten in der öffentlichen Diskussion zu den Coronavirus-Maßnahmen nie ein Rolle – obgleich ja der Erhalt intakter Lebensräume wesentlich dafür ist, um Pandemien zu verhindern.

Zoos und Aquarien wurden geschlossen als wären sie ein Freizeitpark, bei dem man einfach den Stecker ziehen könnte, obgleich sie eine Schlüsselrolle bei der Verhinderung zukünftiger Pandemien spielen. Ebenso wurde der Tourismus über Nacht abgeschafft – ganz so als wäre das nur ein Freizeitspaß, auf den man ja ohne Folgen verzichten könnte. Dass aber der Tourismus auch wichtige Projekte finanziert, ohne die ganze Arten aussterben, ist dabei völlig ignoriert worden. Eines der zentralen Instrumente, um Lebensräume zu erhalten, wurde auf unbestimmte Zeit völlig abgeschaltet ohne auch nur an die Folgen zu denken. Immer noch spielt der Natur- und Artenschutz in den Diskussionen kaum eine Rolle – Zoos und Aquarien werden weiterhin kaum unterstützt und auch der Conservation Tourism wird stiefmütterlich behandelt.

So wird der langfristige Lockdown den in-situ-Schutz von Arten um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, zurückwerfen und auch dem ex-situ-Schutz schweren Schaden zufügen – und keiner weiß, wann das enden soll, weil keine Exit-Strategie bekannt ist, denn neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Coronavirus – wie zum Beispiel die deutlich niedrigere IFR (Infection Fatality Rate) von 0,1%-0,3%, bis respektive 0,5%, die zu Anfang viel höher geschätzt wurde – spielen in der öffentlichen Diskussion quasi keine Rolle und somit erlebt man auch keine Bereitschaft den implementierten Alarmzustand, mit dem der Lockdown untrennbar verbunden ist, evidenzbasiert zu hinterfragen oder gar aufzugeben. Dafür bezahlen Menschen, aber auch viele Tiere, deren Schicksal allzu schnell vergessen wird, aktuell mit ihrer Gesundheit und teils eben auch, besonders langfristig gesehen, mit ihrem Leben.

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