Klippschliefer im Zoo Frankfurt | Foto: Jutta234, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Alle Jahre wieder: Volker Sommer gegen Zoos

Exklusiv für zoos.media – 25.07.2020. Autor: Philipp J. Kroiß

Der Artikel kommentiert ein Interview von Volker Sommer über Zoos und Aquarien in der Frankfurter Rundschau (FR) mit den fragwürdigen Titel: “Zoos ändern nichts am Artensterben”.

Alle Jahre wieder: Volker Sommer gegen Zoos

Wie schon letztes Jahr fand Volker Sommer wieder einen Interviewpartner – diesmal nur nicht beim SWR, sondern bei der FR, der Frankfurter Rundschau. Sommer ist Mitglied des Beirats der giordano buno stiftung, die das Great Ape Project im deutschen Raum als so genannte “Initiative” betreibt. Diese Organisation ist bekannt dafür, Fehlinformationen über Tierhaltungen in Zoos zu veröffentlichen.

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Doch zurück zu Volker Sommer: Schon in der Überschrift wird er mit den Worten zitiert: “Zoos ändern nichts am Artensterben”. Schon das ist ja falsch. Bereits viele Arten konnten dank Zoos und Aquarien vor dem Aussterben gerettet werden – übrigens weit mehr als von Zoogegnern, die mit ihrer Ideologie keine Art vor der Ausrottung retten konnten.

Argumente jenseits der Wissenschaft und Realität

Im Interview geht es Sommer wohl um eine Abrechnung mit Zoologischen Institutionen insgesamt. Da die Wissenschaft diesen Thesen der Tierrechtsindustrie nicht folgt, scheint er sich fast hinter nebulösen Formulierungen verstecken zu müssen: “Aber wie sollte es Delfinen gut gehen, wenn sie in chlorversetzten Pools ewige Kreise ziehen müssen und ihr hochempfindlicher Hörsinn mit Pumpen- und Filtergeräuschen bombardiert wird? Ähnlich mies ist es um andere Großtiere bestellt, die statt Savanne, Polarregion oder Regenwald zu durchstreifen, jahrzehntelang zwischen Kunstfelsen, Betonböden und Käfigen pendeln.”

Chlor ist quasi in jedem Schwimmbad – in der richtigen Dosierung ist das völlig ungefährlich für Mensch und Tier. Allerdings gibt es auch andere Optionen, das Wasser zu reinigen, die in vielen Delfinarien eingesetzt werden. Pumpen und Filter allerdings stehen nicht in den Becken, sondern sind hinter solchen Wänden verborgen, dass die Tiere nichts davon mitbekommen. Seine rhetorische Frage spiegelt also nicht die Haltungsrealität in Zoos wider, trotzdem versucht er es wohl so erscheinen zu lassen – eine durchschaubare, aber nicht gerade faktenbasierte Strategie. Ähnlich defizitär sieht seine Darstellung dann bei den “anderen Großtieren” aus. Daher macht es Sinn, sich mal anzuschauen, was Experten so dazu sagen und wie auch hier die Haltungsrealität in modernen, akkreditierten und zertifizierten Zoo und Aquarien ausschaut.

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Es ist bemerkenswert wie sich die Darstellung der Realität dann doch unterscheidet von dem falschen Bild, was Sommer vermitteln will.

Das Märchen der eingesperrten Tiere

Mit Vermenschlichung versucht Sommer die angebliche Gefangenschaft von Zootieren zu beschreiben:

“Die schlimmste Kriminalstrafe ist lebenslängliche Haft – also eingebuchtet zu sein bei regelmäßiger Verpflegung, medizinischer Versorgung, Beschäftigungstherapie und Ausgang im Außenhof. Wenn Menschen solche Routine, gelinde gesagt, als nicht optimal erleben, wie können dann Zootiere ihren Alltag erquicklich finden? Zudem eingesperrte Eisbären, Giraffen und Co. ja meist mit weniger Raum auskommen müssen als Sträflinge.” – Volker Sommer in der FR

Ob nun lebenslängliche Haft wirklich die schlimmste “Kriminalstrafe” ist, ist sehr fraglich, aber eine andere Diskussion. Sehr lächerlich wird es dann wenn es darum geht, dass die Tiere mit weniger Raum auskommen müssten als Sträflinge. Besonders eindrucksvoll widerlegt das zum Beispiel der Erlebnis-Zoo Hannover mit seiner Eisbären-Anlage, die sehr offensichtlich ein Luxus-Resort und keine Haftanstalt ist.

Aber stimmt überhaupt die Prämisse? Fühlen sich Tiere gefangen in modernen Zoos und Aquarien? Nein – und das ist sehr deutlich, wenn man sich wirklich die Lebensrealitäten von Tiere in der Natur und in Menschenobhut anschaut, was ausführlich in diesem Artikel beschrieben wird:

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Pejorativer Vergleich in Bezug Zoobesucher

Abenteuerlich wird es dann, wenn Volker Sommer einen doch sehr gewagten Vergleich zieht, als er auf die Beliebtheit der Zoos angesprochen wird:

“Selbst wenn es stimmt: Soll alles erlaubt sein, bloß weil’s gefällt? Gladiatorenspiele, öffentliche Auspeitschungen und Exekutionen oder Stierkämpfe waren und sind ebenfalls Publikumsrenner. Des einen Pläsier ist aber des anderen Ärger. Weshalb Attraktionen irgendwann hinsichtlich unterliegender Ethik hinterfragt werden. ” – Volker Sommer in der FR

Dieses Zerrbild von den Zoobesuchern ignoriert völlig die Realität. Das hat auch jüngst eine Umfrage des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ) sehr klar gezeigt:

Die Zoobesucher wissen also sehr genau, dass Zoos keine Spaß-Parks mit Tieren sind und sie besuchen Zoos auch nicht nur, weil es Ihnen gefällt, sondern, weil sie die wirkungsvolle Arbeit dieser Zentren für Artenschutz, Bildung und Forschung nicht nur wahrnehmen, sondern genau das auch schätzen und unterstützen wollen. Stichwort Forschung: wie produktiv ein Aquarium auch auf diesem Gebiet ist, davon gibt das Oceanogàfic in Valencia in diesem Video ein tolles Beispiel, das auch zeigt wie wichtig und wirkungsvoll solche Forschung ist:

Kein Verständnis für Artenschutz

Südliches Spitzmaulnashorn (Diceros bicornis minor) im Zoo Frankfurt | Foto: Dontworry, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Volker Sommer scheint gar keine Bereitschaft zu entwickeln, sich für die Botschafter-Funktion bestimmter Arten zu interessieren, wenn er fragt: “Hunderttausende Tier- und Pflanzenformen sind dabei, für immer vom Planeten zu verschwinden. Welchen Unterschied macht es, wenn Zoos den lieben Gott mimen und ein paar Spezies auswählen, damit die als eingekerkerte Einzelexemplare weiterexistieren? Das ist Kosmetik, nicht mehr, als hier und da ein Pflaster auf einen siechenden Patienten zu kleben. Das Vorhandensein von Zoos ändert nichts am Artensterben.” So spricht jemand, der sich entweder nie mit Ansätzen wie dem One Plan Approach oder generell umfassendem Artenschutz beschäftigt hat oder, trotz der Erfolge, diese Prinzipien nicht anerkennt.

Zoos und Aquarien zeigen eine bestimmte Auswahl an Botschafter-Tieren, aber man schützt in den Projekten nicht nur diese Tiere. Das geht allein deshalb nicht, weil man Tiere in der Natur nicht isoliert schützen kann. Sie sind Teil eines Ökosystems, aber von dem sind sie eben ein Botschafter, der wichtig ist, um Menschen dieses Ökosystem nahe zu bringen. Die Schutzprojekte selbst aber, kommen ganz vielen Tier- und auch Pflanzenarten zu Gute. Man schafft ja zum Beispiel ein Schutzgebiet in Afrika für Elefanten nicht exklusiv für diese eine Art und schmeißt alle anderen raus, sondern man stellt ein ganzes Ökosystem unter Schutz. Das ist nur ein Beispiel wie Schutzmaßnahmen, die mit einer Art als Botschafter implementiert werden, in Wahrheit vielen anderen Arten ebenso helfen.

Allerdings kann man Tiere auch nicht nur in ihrem angestammten Lebensraum schützen, sondern umfassender Artenschutz bedeutet viel mehr. Das erklärt dieser Artikel:

Ist es nicht besser, die Tiere nur in ihren natürlichen Lebensraum zu schützen?

Solche Zusammenhänge zu kennen, sind wesentliche Grundlagen im Bereich Artenschutz. Im Rahmen der freien Meinungsäußerung kann man dieses Einmaleins des Artenschutzes freilich leugnen, disqualifiziert sich damit aber völlig als Experte.

Frankfurter Rundschau versagt bei Aufbereitung des Interviews

Verantwortlich für diese Veröffentlichung ist Thomas Stillbauer, der einzig einen – zudem noch ideologisch eingefärbten – Satz zu Beginn des Interview setzt und alles andere völlig unkommentiert lässt. Nach diesem einführenden Satz, lässt er die Leser völlig allein mit den klaren Fehlinformationen Sommers, die dem Leser ohne jede Einordnung präsentiert werden. Dass renommierte Experten solchen Darstellungen widersprechen, scheint Stillbauer egal. Dass Leser von der FR erwarten, dass man sich als Zeitung nicht einfach zum Multiplikatur von Fake News macht, scheint den Verantwortlichen der Zeitung auch egal.

Bereits im letzten Jahr widersprach der Zoo-Experte Dr. Peter Dollinger einem vergleichbaren Interview im SWR und demaskierte die Fehlinformatioen von Volker Sommer:

Offener Brief an Volker Sommer

Es spricht ja nichts dagegen, dass eine Zeitung auch mal polarisierende Akteure interviewt, die in Interviews auch objektiv falsche Angaben machen. Dann sollte es aber entsprechende Informationen für die Leser, die ja auch nicht allwissend sein können, geben, damit sie solche Aussagen richtig einordnen können. Stattdessen gibt die FR renommierte Zoos und Aquarien einfach zum Abschuss frei – und das in einer Zeit, in der diese wichtigen und unverzichtbaren Kultur-Institutionen massiv von den Lockdown-Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandiemie bedroht sind. Gerade in solchen Zeiten ist es von Lesern keine abwegige Erwartung an eine Zeitung bezüglich von Fehlinformationen besonders sensibel zu sein.

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