Ein Navy-Delfin - Sobald Wale eine bestimmte Zeit in Menschenobhut sind, kann man sie nicht mehr auswildern. | Foto: Ste Elmore, Lizenz: CC BY 2.0

ACCOBAMS: Gravierende Probleme mit Delfin-Sanctuaries

Exklusiv für zoos.media – 24.02.2026. Autor: Philipp J. Kroiß

Sowohl das San Paolo Dolphin Refuge als auch Aegean Marine Life Sanctuary kommen bei einer Analyse durch ACCOBAMS im Rahmen von einem „Letter of Concern“ alles andere als gut weg.

Großer Tümmler im Golf von Tarent | Foto: Cloudette-90, Lizenz: CC BY-SA 4.0

ACCOBAMS: Gravierende Probleme mit Delfin-Sanctuaries

Das Übereinkommen zum Schutz der Wale des Schwarzen Meeres, des Mittelmeeres und der angrenzenden Atlantischen Zonen (ACCOBAMS) ist von den Sanctuary-Plänen der Tierrechtsindustrie im Mittelmeer so gar nicht überzeugt, wie es scheint. Nun schrieb Dr. Joan Gonzalvo, Vorsitzender des
ACCOBAMS-Beratungsausschusses für halboffene Anlagen, einen „Letter of Concern„. Dabei ging er auf die beiden Projekte ein.

San Paolo Dolphin Refuge

Das türkische U-Boot Preveze im Golf von Tarent (2005) | U.S. Navy photo by Chief Journalist Dave Fliesen, public domain

Es wurde betont, dass wesentliche Angaben etwa zur Tiefe, Gestaltung, Baumaterial und Optionen der Separation der Tiere gar nicht vorliegen würden. Auch Konzepte zur Filtration, zum Wasserqualitätsmonitoring und gegen den Unterwasserlärm würden noch fehlen. Dabei gab es auch einen Hinweis auf Aktivitäten der Marine. Unklar wäre auch welche Pläne für Notfälle, wie etwa ein Sturm, Stromausfälle oder gegen das Entfleuchen von Tieren in den Golf von Tarent und somit das Mittelmeer bestünden.

Falls die Käfige durch schwere Netze oder alternative Vorrichtungen begrenzt würden, gäbe es auch noch keine Informationen über Reinigungsverfahren oder die Möglichkeit des Eindringens kleiner Meeresorganismen in die Gehege. Letzteres bedeutet in der Praxis dann keine Sicherheit und Kontrolle der Nahrung der Delfine.

Ein weiteres Thema wäre das vor Ort endemische Morbillivirus. Es gäbe im Rahmen vom Sanctuary keine Informationen über Maßnahmen zur Vermeidung des Kontakts vom Virus mit den Tieren. Ferner fehlen Informationen über mikrobiologische und toxikologische Untersuchungen des ein- und ausgehenden Wassers und einen entsprechender Notfallplan.

Ungelöste Probleme über ungelöste Probleme

Zudem fehle es dem San Paolo Dolphin Refuge aber noch an weit mehr. Daher mahnte ACCOBAMS auch einen Mangel an veröffentlichten Protokollen und Einrichtungen für das Tiergesundheitsmanagement, die Präventivmedizin und Biosicherheit an. Ebenso fehlt wohl ein rund um die Uhr verfügbares Veterinärpersonal vor Ort oder solches in einem Umkreis von einer Stunde, das im Notfall eingreifen könnte.

Dazu ist wohl auch ungeklärt, wie genau man mit Besuchern umgehen will. Genauso gebe es keine Nachweise über Umweltverträglichkeitsprüfungen oder entsprechende nationale Genehmigungen. Zudem fehlen Angaben zur langfristigen Finanzierung und zum operativen Budget, die für die Betriebskosten der Einrichtungen unerlässlich seien.

Außerdem fehlen noch Informationen zur Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden, einschließlich der öffentlichen Veterinärdienste, im Rahmen von Inspektionen gemäß den geltenden Vorschriften. Kurz und pointiert zusammengefasst: Es fehlt so gut wie alles. Wesentliche Probleme sind offenbar nicht mal konzeptionell gelöst. So stellt ACCOBAMS dem San Paolo Dolphin Refuge ein sehr schlechtes Zeugnis aus.

Aegean Marine Life Sanctuary (AMLS)

Großer Tümmler im Marineland Antibes schaut aufgeweckt und interessiert Besucher an. | Foto: avu-edm, Lizenz: CC BY 3.0

Das Sanctuary, das treue Follower von zoos.media als Luftschloss Lipsi kennen, kommt auch nicht gut weg. Zur Erinnerung: Das Konzept ist seit rund einem Jahrzehnt bekannt. Bis heute hat es noch keine Betriebserlaubnis bekommen. Es sei immer noch in der Entwicklungsphase, stellte man im „Letter of Concern“ fest.

Der Zeitrahmen sei hier schon mal völlig unklar. Das Projekt scheine sich im Bau oder in der frühen Betriebsphase zu befinden. Nichts genaues weiß man nicht. So gäbe es auch unzureichende Daten zu Strömungen, Wasserqualität und deren saisonalen Schwankungen. Fernerhin gebe es nur begrenzte Informationen zu Maschenweite, Tiefe, Wartung und dem Verhedderungsrisiko in Bezug auf das Netz, das die Käfige begrenzen soll.

Protokolle und Infrastruktur in Bezug auf Veterinär- und Quarantäneeinrichtungen seien auch nicht vollständig beschrieben oder veröffentlicht. In Bezug auf Umwelt- und Rechtskonformität mahnte ACCOBAMS fehlende veröffentlichte Umweltverträglichkeitsprüfungen oder formelle Genehmigungen an. Auch bei dem Sanctuary seien die finanzielle Nachhaltigkeit und Managementstruktur nicht offengelegt.

Vernichtendes Fazit

„Aufgrund der zahlreichen Unsicherheiten in Bezug auf die oben genannten kritischen Aspekte äußern wir unsere große Besorgnis hinsichtlich der Eignung beider Einrichtungen zur sicheren Unterbringung von Walen und anderen Meerestieren“, subsummiert Dr. Joan Gonzalvo.

Er empfiehlt stattdessen, „von den betroffenen Einrichtungen und nationalen Behörden detaillierte Informationen einzuholen und Nachweise über die Einhaltung der Mindestkriterien anzufordern, bevor eine formelle Anerkennung als Meeresrefugien innerhalb des ACCOBAMS-Gebiets überhaupt in Erwägung gezogen wird.“ Bisher steht eine solche Anerkennung nämlich nicht in Aussicht.

Die derzeitigen Informationen seinen „unzureichend“, um nachzuweisen, dass einmal wesentliche Standards von ACCOBAMS selbst aber auch im Rahmen von EU-Recht erfüllt würden. Selbst die Erfüllung der eigenen Kriterien der Tierrechtsindustrie, die der fragwürdigen Organisation GFAS, stellt das Dokument in Frage.

Versagen von Medien & Politik

Großes Schiff direkt neben dem Beluga Whale Sanctuary (rechter Bildrand) im Juni 2024 | Foto: Hornstrandir1, Lizenz: CC BY-SA 4.0

ACCOBAMS hat hier aber nicht nur die Tierrechtsindustrie völlig lächerlich gemacht mit ihren unfertigen Konzepten. Verschiedene Medien und auch Politiker haben die Konzepte gefeiert. Warum sind denen diese offensichtlichen Unzulänglichkeiten noch nicht aufgefallen? Wieso haben Journalisten, statt zu feiern, nicht solche Fragen gestellt? Auch das wird zu klären sein.

Offensichtlich hat man in der Öffentlichkeit die Tierrechtsindustrie und ihre Kollaborateure weitestgehend damit durchkommen lassen, die wesentlichen und schwierigen Fragestellungen bei den Sanctuary-Konzepten zu umschiffen. So kann sich zum Beispiel in Island die Tierrechtsindustrie wohl auf eine gewisse Ignoranz der Behörden verlassen. Dort scheint es die Behörden wenig zu interessieren, dass das Beluga-Sanctuary scheitert. Allerdings im Mittelmeer würde sowas anders aussehen.

Was ACCOBAMS hier anmahnt, sind auch keine banalen bürokratischen Hürden. Aktuell fehlen wesentliche Pläne und Konzepte. Wenn sie das nicht mehr täten, kommt noch die Frage, ob die dann überhaupt tragfähig wären. Zahlreiche Sanctuaries sind schon gescheitert. An diesem Scheitern werden dann auch die noch fehlenden Pläne und Konzepte gemessen.

Gut für Delfine, schlecht für Industrie

Mann im Anzug, der Euroscheine in die Jackentasche steckt. | Foto: Kiwiev, Lizenz: CC0 1.0

Die Tierrechtsindustrie hat sich an der Sanctuary-Frage schon gespalten. Das Whale Sanctuary Projekt bekommt immer mehr Kritik auch aus den eigenen Reihen der Tierrechtsindustrie und ihrer Kollaborateure. Die wiederum favorisieren – unter anderem für die beiden Orcas Wikie und Keijo – ein Sanctuary im Mittelmeer. Beide Ideen dazu haben nun auch einen wesentlichen Dämpfer erhalten.

Immer mehr wird klar: Die Tierrechtsindustrie und ihre Kollaborateure haben geblufft. Sie haben gar keine tragfähigen Alternativ-Konzepte zu Delfinarien. Die braucht es ohnehin nicht, aber dazu später mehr. Jahrelang haben Lobbyisten verschiedenen Regierungen und der Öffentlichkeit ihre geplanten Sanctuaries als die Lösung schlechthin verkauft. Das sind sie aber eben nicht.

Jeder Bluff funktioniert nur so lange bis jemand die Hand mal sehen will. Das erlebt die Tierrechtsindustrie gerade. Sie ist aufgeflogen. Das wird zahlreichen Tieren Leid ersparen, die sonst in schlechten Haltungen für Ideologie und Spendensammlung gelitten hätten, wie schon genug vor ihnen. Für Politiker wird es nun schwer, die Sanctuary-Idee noch irgendwie zu halten.

Delfinhaltungsalternativen überflüssig

Allerdings braucht es gar keine Alternativen zu modernen Zoos und Aquarien. Wissenschaftliche Ergebnisse sprechen eine klare Sprache, was das Wohl der Tiere anbelangt. Große Tümmler, die weltweit verbreitetste Delfin-Art in Zoos und Aquarien, sind gesünderweniger gestresst und leben auch länger als ihre wilden Artgenossen. Während des Trainings, das für die Tiere freiwillig ist, schütten sie Glückshormone aus und freuen sich auf die Interaktion mit den Trainern.

Über 150 Experten betonen die Wichtigkeit von Meeressäuger-Haltung in seriös geführten zoologischen Institutionen. Auch seriöse Tierschutzorganisationen, wie die American Humane Society, stellen sich deutlich auf die Seite der ordentlich geführten Delfinarien sowie der von Zoos und Aquarien generell, die diese und andere Wale beherbergen. Rückenwind erhielt diese Position auch durch eine umfassende Tierwohl-Studie zum Thema.

Auch in Bezug auf Sanctuaries ist der wissenschaftliche Befund sehr deutlich. Almunia & Canchal (2025) dokumentierten das Scheitern des Konzepts für Belugas in Island. Bruck (2024) zeigte auf, wie wenig tragfähig das GFAS-Konzept wirklich ist. Daher ist auch von dieser Seite sehr deutlich: Die Sanctuary-Idee ist ein totes Pferd. Allerdings muss diese Erkenntnis gerade in Politik und Bevölkerung sich noch weiter festigen.

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