In Deutschland geborene Junghündin der Rasse Perro sin pelo del Perú | Foto: Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Seltene Ur-Hunde unter falschem Verdacht

Exklusiv für zoos.media – 22.12.2022. Autor: Philipp J. Kroiß

Nackthunde gehören zu den ursprünglichsten, heute noch gehaltenen Hunderassen. Immer wieder steht der Vorwurf “Qualzucht” im Raum. Das ist grundsätzlich falsch.

Seltene Ur-Hunde unter falschem Verdacht

Hund und Wolf: gemeinsamer Vorfahr

Perro sin pelo del Perú im Ursprungsland | Foto: Viringos Perusam, Verwendungserlaubnis durch Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Der Haushund ist die domestizierte Art in der biologischen Familie der Hunde (Canidae, Caniden), während ein Wolf ein Wildtier ist. Hunde sind also keine zahmen Wölfe und Wölfe keine wilden Hunde. Wölfe und die allermeisten Hunderassen haben rein äußerlich kaum noch etwas gemein. Haushund und Wolf unterscheiden sich sehr deutlich: zwischen beiden gibt es ethologische und soziökologische sowie auch physiologische, phänotypische und genetische Unterschiede. Dennoch bilden Haushunde eine erfolgreiche natürliche Fortpflanzungsgemeinschaft bei freier Gattenwahl mit dem Wolf und erzeugen dabei fruchtbare Nachkommen.

Die Aussage, der Hund stamme vom Wolf ab, wird oft missverstanden und so interpretiert, als ob unser heutiger Haushund durch Domestikation aus dem heutigen Wolf entstanden wäre. Genetische Untersuchungen lassen deuten, dass der moderne Wolf und die Ahnen des heutigen Hundes bereits vor etwa 30.000 Jahren aus einem gemeinsamen wölfischen Vorfahren hervorgegangen sein könnten, welcher heute ausgestorben ist. Um es zu verdeutlichen: Der Hund stammt genauso wenig in direkter Linie vom Wolf ab, wie der Mensch vom Schimpansen. Auch wir Menschen und die anderen Menschenaffen teilen uns zwar einen gemeinsamen Vorfahren, ohne deshalb die Antwort auf alle Lebensfragen bei den Primaten im nächsten Zoo zu suchen.

Historische Darstellungen von Ur-Hunden: aus der Vergangenheit in die Gegenwart

Kleine Tonfigur eines Xoloitzcuintle | Foto: Ehécatl Cabrera, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Aktuell wird als älteste Hunderasse der Basenji angenommen, der seine Wurzeln in Ägypten hat. Mindestens 8.000 Jahre soll die Rasse alt sein, was man aus Höhlenwand-Malereien ableitet. Das ist eine sehr ursprüngliche und in der Interpretation durchaus schwierige Form des Festhaltens von Geschichte.

Suchen wir auf dem amerikanischen Kontinent nach Ur-Hunden, so gelangen wir zu den sogenannten Nackthunden. Hier ist ihre älteste Darstellung die Tonfigur eines Xoloitzcuintle (gesprochen: Scholo-itz-kuint-li), der auch als Mexikanischer Nackthund bezeichnet wird. Diese Tonfigur wird auf etwa 1.700 Jahre vor Christus datiert. Sie ist somit über 3.700 Jahre alt. Bis heute ist diese Rasse phänotypisch, also optisch, beinahe unverändert. Dies gilt auch für den Perro sin pelo del Perú, den Peruanischen Nackthund.

Die dritte, aktuell lebende und von der Fédération Cynologique Internationale (FCI) anerkannte Rasse ist der Chinese Crested Dog, auch Chinesischer Schopfhund genannt. Ihr Ursprung ist bisher nicht sicher bekannt. Nackthunde sind übrigens auch den großen Naturforschern Carl von Linné, Alexander von Humboldt und Charles Darwin bei ihren Forschungsreisen aufgefallen. So beschrieb Carl von Linné diese Hunde 1758 in seinem Werk “Systema naturae”, während Alexander von Humboldt in seinen “Ansichten der Natur” im Jahre 1807 “über die große Zahl schwarzer haarloser Hunde in Quito und Peru” berichtete.

Chinesischer Schopfhund mit unterschiedlicher Pigmentierung im März & Juli | Fotos: Joachim Dürr, Verwendungserlaubnis durch Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Nackthunde – mit und ohne Haare

Perro sin pelo del Perú: Haarlose und behaarte Welpen aus dem selben Wurf im Spiel | Foto: Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Wenn man an die Nackthunde denkt, wird oft vergessen, dass es zwei Varietäten gibt: den haarlosen Nackthund und den behaarten Nackthund. Das klingt widersinnig, ist aber Realität. Sie kommen sogar gleichzeitig in einem Wurf vor. Wichtig zu wissen ist, dass kein Nackthund komplett ohne Haare ist, auch nicht die haarlosen Nackthunde. Die Vibrissen, das sind wichtige, funktionstragende Haare am Kopf, sind grundsätzlich bei allen sogenannten Nackthunden vorhanden.

Auch sind regelmäßig Haare im oberen Kopfbereich, an der Rute sowie in der Fußregion zu finden. Mit uns Menschen haben die haarlosen Nackthunde übrigens Folgendes gemein: die haarlose Haut wird im Sommer dunkler und im Winter heller. Die Haarlosigkeit basiert auf einer zufälligen Genmutation, die schon vor 3.700 Jahren spontan auftrat. Es handelt sich hierbei um die Mutation des sogenannten FOXI-3-Gens, die Abkürzung für Forkead Box I3-Gen. Dieses Gen kommt auch bei anderen Säugetieren vor.

Haarlose Nackthunde mit Gebissbesonderheit

Das FOXI-3-Gen ist übrigens auch an der Entwicklung der Zähne beteiligt. Seine Mutation sorgt dafür, dass den haarlosen Nackthunden bestimmte Zähne fehlen. Dies können Schneidezähne, Eckzähne und/oder Vorbackenzähne sein, nie aber sind es Backenzähne. Welche es im individuellen Fall konkret sind und wie viele, unterliegt allerdings keinem Muster. Charakteristische Hundeskelettfunde ab 800 n. Chr. – also vor über 1.200 Jahren – zeigen zum Beispiel fehlende Vorbackenzähne.

Laut Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie sei gut möglich, dass dieses Gen auch bei evolutiven Veränderungen der Zahnmorphologie des Menschen eine Rolle gespielt haben könnte. Ein Problem stellt diese Gebissbesonderheit für diese Hunde, die mit weniger Zähnen als andere Haushunde seit nun mehr als drei Jahrtausenden leben, nicht dar. Sie haben eben, wie andere Haushunde auch, eine ganz andere Lebensrealität als der Wolf. Haushunde, die ja ihr Futter vom Menschen erhalten, brauchen bestimmte Zähne, die für den Wolf lebensnotwendig sind, eigentlich nicht mehr.

Wäre die beschriebene Gebissbesonderheit für den Nackthund ein Problem, dann wäre dieser sicherlich schon ausgestorben oder sie liefen jaulend und abgemagert herum. Dies ist bekanntermaßen nicht der Fall. Sie fressen genauso gut und gern wie andere Hunde. Allerdings steht der Vorwurf seitens der Tierrechtler und sogar einiger Amtstierärzte im Raum, die Hunde würden wegen dieser Gebissbesonderheit leiden. Wer Nackthunde kennt, weiß das auch aus eigener Erfahrung.

Vorwürfe: absurd und unhaltbar

Bei Kälte tragen Nackthunde, wie dieser Xoloitzcuintle, gerne wärmende Kleidung | Foto: Ricarda Scheffler, Verwendungserlaubnis durch Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Ihr besonderes Gebiss hat den haarlosen Nackthunden ganz offensichtlich während Jahrtausenden ausgereicht. Auch leben sie problemlos ohne vorhandenes dichtes Fell. Gegner der haarlosen Nackthunde stellen aber nicht nur unbewiesene Behauptungen bezüglich nicht vorhandener Zähne und bezüglich nicht vorhandenen Fells auf. Sie unterstellen den Tieren daraus resultierende Qualen. Des Weiteren stellen sie die willkürlichen Behauptungen auf, dass diese Hunde angeblich nicht thermoregulieren könnten, ein vermeintlich gestörtes Immunsystem hätten und die auftretende Resorption von Embryonen ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz sei.

Eine Expertin auf dem Gebiet der sogenannten Nackthunde ist Tierärztin Dr. Alexandra Dörnath. Sie betont: “Dass ‘haarlose Nackthunde’ nicht thermoregulieren können sollen, ist völliger Blödsinn. Ein Tier wäre tot, könnte es nicht thermoregulieren. Bereits 2°Celsius Unterschied nehmen, insbesondere bei Endothermen, großen Einfluss auf biochemische Prozesse im Körper. Auch ‘Nackthunde’ – sowohl behaarte als auch unbehaarte – können also thermoregulieren.”

Letalfaktor?

“Haarloser” Perro sin pelo del Perú mit “prüfendem” Blick | Foto: Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Dörnath führt fort: “‘Nackthunde’ erreichen regelmäßig ein hohes Alter. Wenn sie einen Defekt ihres Immunsystems hätten, wäre dies nicht so. Dann würden die Tiere auch nicht draußen spielen und auch dort nicht in der Erde graben können, ohne krank zu werden, geschweige denn, in der Regel mit guter Gesundheit so alt werden. Dass Nackthunde ein gestörtes Immunsystem haben sollen, ist nicht mehr als eine wissenschaftlich nicht belegte Behauptung.” Es stimme, so Dörnath, dass bei den drei Rassen Xoloitzcuintle, Perro sin pelo del Perú und Chinese Crested Dog ein Letalfaktor vorkomme. Wenn das FOXI3-Gen des Hundeembryos nämlich die Allele H/H, also zwei Allele für Haarlosigkeit trage, würde der betreffende Embryo resorbiert.

Der Genotyp H/H sei mit dem Leben nicht vereinbar. Die Resorption der Früchte bei den Nackthunden mit dem H/H-Gen finde aber in einem frühen Trächtigkeitsstadium statt, betont die Tierärztin. Der embryonale Fruchttod respektive die embryonale Resorption ist im Übrigen kein Verstoß gegen das deutsche Tierschutzgesetz. Dörnath weist darauf hin, dass dies auch im Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes, das vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) 2002 veröffentlicht wurde, aufgeführt ist. Zudem sei ein gewisses Maß an Resorption von Feten beim Hund physiologisch.

Nackthunde als Kultur-Rassen

Zwei Xoloitzcuintle auf der Couch | Foto: Ricarda Scheffler, Verwendungserlaubnis durch Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Kenntnisse und Bedarf machen es wahrscheinlich, dass es in den Anden vorkolumbisch zu bewusster Rassezüchtung von Hunden kam. Zwischen der Eroberung Perus durch die Spanier im 16. Jahrhundert und der Wiederentdeckung des Perro sin pelo del Perú und des Xoloitzcuintle in ihren Ursprungsgebieten und Achtung als Nationalhunde im 20. Jahrhundert lagen dunkle Jahrhunderte der Missachtung und Verachtung für die Rassen. In Mexiko spielte die Künstlerin Frida Kahlo eine große Rolle, den beinahe ausgestorbenen Nackthund wieder populär zu machen. Die moderne Zucht erfolgte dann bei allen drei von der FCI anerkannten Nackthund-Rassen durch Linienzucht.

Wie jede Kulturrasse, auch gerne Haus- oder Nutztierrasse genannt, hat man sich die Nackthunde aus einem gewissen Zweck gehalten: als eine Form der Wärmflasche, um zum Beispiel Kinder und Alte des Nachts zu wärmen, aber auch, um rheumatischen Knien gezielt Wärme zuzuführen. Hinzukommend wurden sie auch noch religiös aufgeladen, nämlich als Begleiter der Verstorbenen ins Reich der Toten – wobei die Hunde zunächst noch lebten. Auch dienten sie den Menschen als Nahrung. Heute allerdings sind sie, wie viele dieser Kulturrassen, schlicht und einfach geliebte und behütete Haustiere von Menschen, die sich für diese besonderen Hunderassen begeistern und sie, im Idealfall, durch Zucht erhalten wollen.

Erhalt von Kulturerbe

Überglückliches Kind mit seinen tierischen Begleitern in Perú | Foto: Viringos Perusam, Verwendungserlaubnis durch Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Diese Liebhaberei erlaubt einen Blick in die Geschichte der Hundehaltung. Das macht den Erhalt dieser Rasse sehr interessant und unterstützenswert. Zu Recht kümmern sich viele Tierhalter in privatem Rahmen, aber auch professionell, um alte Kulturrassen. Diese Rassen geraten deshalb in Bedrohung, weil sie häufig nicht mehr in Bezug auf ihren Nutzen nachgefragt werden – klassisches Beispiel sind Zweinutzungsrassen aus der Landwirtschaft.

Die Nackthunde haben großes Glück, noch nicht vom Aussterben bedroht zu sein, auch wenn sie selten sind, weil sich unterschiedliche Menschen, ohne zum Beispiel Azteke mit rheumatischen Gelenken ohne Wärmflasche zu sein, für sie begeistern. Dennoch sind sie in Gefahr: Bedroht werden die Hunderassen Xoloitzcuintle, Perro sin pelo del Perú und Chinese Crested Dog nämlich durch Populismus, der diesen Ur-Hunden entgegenschallt. Man behauptet, es handele sich bei diesen Jahrtausende alten Rassen angeblich um Qualzuchten. Ihnen ein solches Label zu verpassen ist eine steile These, wenn man das Alter der Rasse bedenkt und das hundetypische Verhalten der zu dieser Rasse zählenden hochintelligenten Individuen beobachtet.

Jahrtausendelange Qualzucht?

Xoloitzcuintle sind besondere Hunde | Foto: Ricarda Scheffler, Verwendungserlaubnis durch Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Unter Zucht im Sinne des Tierschutzgesetzes versteht man die züchterische Bearbeitung von Tierrassen. Durch gezielte Selektion und Anpaarung von Tieren soll ein Zuchtfortschritt erreicht werden. Hierbei orientiert man sich an den jeweiligen Zuchtzielen, in der Hundezucht zum Beispiel an sogenannten Rassestandards des FCI. Der Begriff “Qualzucht” ist gegenwärtig in aller Munde. Er taucht aber im Tierschutzgesetz gar nicht auf. Der Terminus sollte auch, laut Fachtierarzt Prof. Dr. Hansjoachim Hackbarth, nicht verwendet werden, da er dem Züchter vorsätzliche Tierquälerei unterstellt. Zudem ist Qualzucht eine unsachliche, unwissenschaftliche, stigmatisierende, nicht vorurteilsfreie und umgangssprachliche negativ konnotierte Begrifflichkeit, die den Leser respektive Hörer lenken kann.

Tatsächlich könnte dieses Wort direkt der Boulevardpresse entstammen, ist daher in einem sachlichen Zusammenhang fehl am Platze, da er wertend, verurteilend und eben nicht neutral ist. Insofern ist der Untertitel, so Hackbarth, des vom BMVEL im Juli 2002 veröffentlichten Gutachtens, des sogenannten “Qualzuchtgutachtens”, zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes äußerst unglücklich gewählt und führt zu Polarisierung. Interessanterweise war kein Hundeexperte in der Gruppe, die dieses Gutachten für das BMVEL erstellt hatte.

Dr. Alexandra Dörnath, Expertin für Nackthunde und Tierärztin, empfiehlt: “Statt von ‘Qualzuchten’ sollten wir lieber von ‘Paragraf-11b-Tieren’ sprechen.” Hierbei nimmt Dörnath Bezug auf den Paragraf 11b des deutschen Tierschutzgesetzes. “Der Begriff ‘Paragraf-11b-Tier’ ist neutral, sachlich und beschreibend. ‘Nackthunde’ sind allerdings definitiv keine Paragraf-11b-Tiere. Weder durch das fehlende Fell noch durch ihre Gebissbesonderheit treten bei ihnen hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auf. Es sollte also unterlassen werden, diese mit dem Begriff ‘Qualzucht’ zu stigmatisieren.”

Nackthunde: Ur-Hunde ohne Defizite

Perro sin pelo del Perú mit seinem Halter | Foto: Viringos Perusam, Verwendungserlaubnis durch Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Schaut man gesunden Nackthunden beim Fressen oder auch bei der innerartlichen Kommunikation zu, haben sie keine Einschränkungen – das weiß Dörnath genau. Die Tierärztin hat schließlich zahlreiche Nackthunde in ihrem Verhalten beobachtet und klinisch untersucht. Die wissenschaftlich ausgebildete Veterinärmedizinerin berät nämlich den Club für Exotische Rassehunde (CER) und hat daher umfassende Einblicke in die aktuelle Gesundheit sogenannter Nackthunde, die im CER organisiert sind: “‘Nackthunde’ – egal, ob von haarloser oder behaarter Varietät – haben grundsätzlich in ihrem Verhalten, in ihren Bewegungsabläufen und in ihren anatomischen sowie physiologischen Funktionen keine Defizite”, so Dörnath.

“Haarlosigkeit sowie Gebissbesonderheiten bedeuten kein Handicap für die haarlosen Varietäten der ‘Nackthunde’. Fressen und somit die Futteraufnahme, das Apportieren, das soziale Spiel sowie das Solitärspiel, die innerartliche Kommunikation wie auch die Thermoregulation sind für sie problemlos. Wer im Zusammenhang mit ‘Nackthunden’ das Wort ‘Qualzucht’ in den Mund nimmt, weiß nicht, wovon er spricht. Bei der Zucht des Xoloitzcuintle, des Perro sin pelo del Perú und des Chinese Crested Dog handelt es sich in keinem Fall um eine Zucht im Sinne von Paragraf 11b des deutschen Tierschutzgesetzes respektive im Sinne von Paragraf 10 der deutschen Tierschutz-Hundeverordnung,“ betont Tierärztin Dörnath.

Von Qualzucht keine Spur

Xoloitzcuintle beim Laufen | Foto: Bilal Khan, Verwendungserlaubnis durch Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Eine sogenannte Qualzucht lässt sich für die haarlosen Nackthunde demnach gar nicht attestieren. “Unglücklicherweise bezieht sich das BMVEL-Gutachten aus 2002 auf zum Zeitpunkt der Erstellung veraltete Literaturstellen sowie auf solche, die für Nackthunde irrelevant sind”, bemerkt Dörnath. Einer der sensibelsten Parameter zur Schmerz- sowie zur Leidenserfassung ist die Beobachtung des artspezifischen Verhaltens.

“Grundsätzlich zeigen die Individuen der Rassen Xoloitzcuintle, Perro sin pelo del Perú und Chinese Crested Dog artspezifisches, für Haushunde typisches Verhalten. Dies gilt insbesondere für das innerartliche Sozialverhalten – sowohl innerhalb ihrer Rasse (unterschiedslos, ob haarlose oder behaarte Individuen) als auch mit Vertretern anderer Rassen. Die innerartliche Kommunikation ist artspezifisch und für Haushunde typisch. Bei den von mir untersuchten und beobachteten ‘Nackthunden’ konnte ich keine Hinweise auf Leiden, Schäden, Schmerzen feststellen”, so Dörnath.

Der Nackthund leidet also nicht. Da er ursprünglich aus warmen Regionen kommt, müssen eben bei der Haltung in unseren Breiten entsprechende Vorkehrungen getroffen werden. Dazu gehören etwa der Schutz vor Sonnenbrand und der Schutz vor Unterkühlung. Dies geht mit Hundekleidung, die übrigens auch andere Rassen, wie zum Beispiel Windhunde, benötigen. “Die Haarlosigkeit bei Hunden hat in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet vermutlich einen evolutiven Vorteil”, vermutet Dörnath, die diese Hunde auch wegen ihres Charakters schätzt. Immer wieder betont sie, dass Nackthunde keine Modehunde sind, sondern eben Ur-Hunde. Sie eigneten sich nicht unbedingt für den unerfahrenen Hundehalter.

Hunde diskriminieren sich nicht

Auch im Spiel machen zum Beispiel diese beiden Perro sin pelo del Perú untereinander keinen Unterschied. | Foto: Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath

Daher ist der populistische Begriff “Qualzucht” ein grundlegend falscher Verdacht für diese Ur-Hunde. Vielmehr sind diese Tiere seit mindestens drei Jahrtausenden glücklich mit dem Menschen und auch untereinander. Sonst wäre es ja auch unmöglich, solche Rassen so lange am Leben zu erhalten. Die Hunde diskriminieren sich im Übrigen nicht auf Basis ihres Fells, einer Gebissbesonderheit oder ähnlichem.

So steht zu hoffen, dass sich manche Interessengruppen eines Besseren besinnen und auch aufhören, diese ursprünglichen Hunde und ihre Halter zu diskriminieren. Natürlich ist es den tierhaltungsfeindlichen Anliegen der Tierrechtsindustrie zuträglich, bestimmte Hunderassen unter den Verdacht der Qualzucht zu stellen und so ihre Vermehrung zu verhindern. Das allerdings macht diese hanebüchene Behauptung für seriöse Experten, wie Dr. Alexandra Dörnath, keineswegs vertretbar.

“Hoffentlich bleiben uns diese besonderen und faszinierenden ursprünglichen Hunde erhalten. Ich habe sie in Mexiko und andernorts in ihrem Ursprungsgebiet sowohl in Menschenhand als auch als Streuner auf der Straße erlebt. Insbesondere Peruaner und Mexikaner lieben und verehren ihre ‘Nackthunde’. Wie nur können sich Tierrechtler aber auch einzelne Amtstierärzte anmaßen, dieses Kulturerbe als ‘Qualzucht’ zu bezeichnen? In Lateinamerika lacht man übrigens über diejenigen ‘Los Alemanes’, diejenigen Deutschen also, die diese Hunde verbieten wollen”, so Dörnath. “Hunde haben uns Menschen viel voraus: Sie diskriminieren die Angehörigen ihrer eigenen Art nicht aufgrund von Fell und Zähnen. Von Hunden können wir Menschen viel lernen”, beendet Exoten-Tierärztin Dörnath zwinkernd das Gespräch.

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