Großer Tümmler im Tiergarten Nürnberg | Foto: Matthias, Lizenz: CC BY 3.0

WDC: Blamage zum Jahresabschluss?

Exklusiv für zoos.media – 22.12.2025. Autor: Philipp J. Kroiß

Der Jahresabschluss vom WDC zu „Delfinarien weltweit“ zeigt, warum nicht alles, was gern wissenschaftlich wäre auch wirklich wissenschaftlich haltbar ist.

Portrait eines Delfins im Loro Parque auf Teneriffa (Spanien) | Foto: zoos.media

WDC: Blamage zum Jahresabschluss?

Für die fragwürdige NGO WDC war es wohl an Ulla Christina Ludewig einen Strich unters Jahr zu machen. Sie wollte anscheinend das Ausmaß der Delfinarien auf einen Blick darlegen, aber die Darstellung scheitert wohl an der Realität. „Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Wale und Delfine in Gefangenschaft“, leitet sie ein. Mit Gefangenschaft hat Zootierhaltung natürlich nichts zu tun. Delfine sind auch Wale, weshalb das „und“ in dem Text keinen Sinn macht.

Wenn man nach Spuren von der erwähnten Beschäftigung sucht, wird man auf der Suchmaschine Google Scholar, die wissenschaftliche Arbeiten auflistet, allerdings in Bezug auf Cetaceen nicht fündig. Einzig ein Beitrag zur Beobachtung seltener Vögel lässt sich finden. Autorin ist sie von der Arbeit aber auch nicht. Allerdings überrascht das wohl kaum, wenn man sich den Text für den WDC sonst anschaut. Sonderlich wissenschaftlich wird darin nicht vorgegangen. Vielmehr ist der Text sehr leicht zu widerlegen. Er ist aber auch noch viel einfacher zu durchschauen.

Schon die erste Zahl ist falsch?

Beluga & Taucher im Chimelong Ocean Kingdom: Freikontakt basiert auf viel Liebe und großem Respekt | Foto: xiquinhosilva, Lizenz: CC BY 2.0

Es geht im Artikel wohl nicht um Fakten, sondern um Ideologietransfer. „Über 3.700 Individuen befinden sich momentan zu Unterhaltungszwecken in Delfinarien“, behauptet Ludewig. Stimmt das? Nein. Von diesen sind hunderte nämlich gar keine Delfine, daher leben sie in Walarien oder ähnlichem, aber nicht in Delfinarien. Ein Beispiel dafür sind zum Beispiel die Belugas. Das sieht man gut an Kanada, wo WDC eine Institution zählt, aber es gibt kein besetztes Delfinarium im ganzen Land.

Ebenfalls in diese Zählung fallen wissenschaftliche Institutionen, die definitiv die Tiere nicht „zu Unterhaltungszwecken“ halten. So sind die Gründe für Wal-Haltung in modernen Zoos und Aquarien: Natur- & Artenschutz sowie Bildung & Forschung. Natürlich haben die auch Shows, aber die sind ein Nebenprodukt des Enrichment-Programms für die Tiere. Sie sind nicht der Zweck der Haltung.

Also, damit man diese Zahl vom WDC irgendwie verteidigen kann, braucht es schon eine gehörige Ignoranz von Fakten. Wenn man über „Delfinarien weltweit“ schreiben will, sollte man eben auch bei Delfinen bleiben. Was der WDC abzieht, wäre ja so ungefähr vergleichbar damit, wenn man über „Papageien weltweit“ schreiben will und dann auch noch die Rotkehlchen hinzuzählt – nach dem Motto: Hauptsache irgendwas mit Vögeln. Es hilft auch nichts, wenn man dann von „Angaben ohne Gewähr“ schreibt, wenn schon die Schätzung so offensichtlich schiefläuft.

Bewegende Einzelschicksale?

Morgan und ihr Sohn Teno im Orca Ocean des Loro Parque (April 2025) | Foto: Loro Parque

Ein Beispiel für ach so traurige Schicksale soll Nynke im Tiergarten Nürnberg sein. Die hat ein paar reibungslose Transporte erlebt, drei unterschiede Delfin-Gruppen mit ihrer Anwesenheit im Laufe ihres Lebens bereichert und ist weit über 40 Jahre alt. Die mediane Lebensspanne von Großen Tümmlern in der Natur liegt unter 20 Jahren und in der Zahl ist schon die neonatale Mortalitätsrate nicht inkludiert. Ein Tier, das doppelt so alt wird, wie seine wilden Artgenossen median werden, ist kein Grund zur Trauer, sondern ein Grund zu Freude. Es belegt, die gute Haltung von Nynke.

Auch eine Erfolgsgeschichte, aus der man beim WDC wohl unbedingt ein tragisches Einzelschicksal machen will, ist die der Orca-Dame Morgan. Sie wurde vor dem sicheren Tode bewahrt und konnte im Loro Parque eine neue Familie gründen. Beim WDC erzählt man das Märchen, sie sei „Aggressionen in der künstlich zusammengesetzten Orca-Gruppe im Park ausgesetzt“ gewesen.

Die Orca-Gruppe im Loro Parque bestand zu diesem Zeitpunkt aus einer Mutterlinie aus Kohana und Adán, ihren Geschwistern Tekoa und Skyla sowie dem Männchen Keto. Solche Verbindungen findet man auch in der Natur. Zudem gab es keine Aggressionen, sondern Morgan musste sich, wie jeder andere Orca auch, ob in der Natur und in Menschenobhut, in die Rangfolge einfügen. Solche Verhandlungen um die Rangfolge sind keine Aggressionen, sondern eine soziale Notwendigkeit – nicht nur bei Orcas übrigens. Morgan hat das alles sehr gut gemacht und integrierte sich so, dass es eben auch Nachwuchs gab.

Wieder ein falscher WDC-Bericht?

Mit Bezug auf diesem Jahr hat sich der WDC auch mal wieder an einem Bericht versucht. Solche Schriftstücke sind berühmt berüchtigt. Sonderlich viel mit der Realität zu tun haben sie meist nicht. Als man das WDC dem Landtag NRW mit einer angeblich maßstabsgetreuen Skizze die Delfinhaltung in Duisburg madig machen wollte, stimmte der Maßstab schlicht nicht. In einem angeblichen „Hintergrundbericht“ blamiert sich die NGO damit, Jungtieren, die es niemals gab, angebliche Todesursachen zuzuordnen. Aber das war lange noch nicht alles.

WDC: Dreiste Lügen in angeblichem „Hintergrundbericht“ über Delfinarien

Der diesjährige Bericht ist auf Englisch. Direkt darauf findet sich die falsche Bezeichnung „whales and dolphins“. Da prangt die Peinlichkeit also schon auf dem Titel. Darin zitieren sich die Tierrechtsindustrie und ihre Kollaborateure im Wesentlichen selbst. Man liest dann auch so einen Quatsch wie: „Das Lebendfangen von Walen und Delfinen zur Haltung in Gefangenschaft, insbesondere in Ländern wie Japan, ist weiterhin ein globales Problem.“ Das ist schlicht gelogen. Zum Beispiel in Europa und Nordamerika sind die Populationen in Menschenobhut selbst erhaltend. Wenn das in zwei Kontinenten so ist, ist das Problem nicht mehr global.

So in diesem Stil funktioniert aber auch wieder der aktuelle Report: Plattitüden, nicht wissenschaftlich haltbar, aneinandergereiht. Natürlich werden darin auch wieder „sanctuary-based solutions“ angepriesen. Dass die am laufenden Band scheitern, wird natürlich nicht beschrieben. Dass wissenschaftliche Arbeiten, wie Bruck (2024) sowie Almunia & Canchal (2025), die Konzepte pulverisiert haben, auch nicht.

Verkauf von Prinzip Hoffnung

Großes Schiff direkt neben dem Beluga Whale Sanctuary (rechter Bildrand) im Juni 2024 | Foto: Hornstrandir1, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das WDC müsste das Scheitern des Beluga Whale Sanctuary, das die NGO gegreenwasht hat, eigentlich wie kaum jemand anders vor Augen haben. Vermutlich werden die Augen aber verschlossen. Vielmehr wird das Projekt sogar noch beworben. Ludewig beschreibt das im Text verlinkte Projekt vielmehr als „echte Alternative“. Daran ist aber gar nichts echt. Die Haltung funktioniert ja nicht.

Die Realität des Projekts sind Belugas, die in einem viel zu kleinen Walarium dauerhaft an Land leben. Spendern verkauft man dann immer wieder Daten, an denen die Tiere angeblich in den Netzkäfig im Rinnstein der am stärksten befahrenen Wasserstraße der Region zurückkehren würden. Das ist ungefähr so, als würde man einen Papagei in einem Käfig auf dem Standstreifen einer stark befahrenen Autobahn halten wollen. Das ist dann die „echte Alternative“ vom WDC.

So zeigt aber auch am Ende dieser Jahresabschluss vom WDC: Nach all den Jahren gibt es immer noch keine echten Alternativen. Stattdessen werden gescheiterte Konzepte schön fantasiert. Das zeigt deutlich, dass Spenden an den WDC am Ende Geldverschwendung waren. Die NGO hat so viel Geld bekommen und noch immer nicht wirklich eine realistische Alternative zustande gebracht. Stattdessen versucht man andere einfach schlecht zu machen. Das kann man schwerlich als seriös beschreiben. Braucht es solche Alternativen aber überhaupt? Nein.

Kein Delfin oder anderer Wal braucht den WDC

Die Anti-Delfinarien-NGO ist im Prinzip völlig überflüssig. Warum? Wissenschaftliche Ergebnisse sprechen eine klare Sprache, was das Wohl der Tiere anbelangt. Große Tümmler, die weltweit verbreitetste Delfin-Art in Zoos und Aquarien, sind gesünderweniger gestresst und leben auch länger als ihre wilden Artgenossen. Während des Trainings, das für die Tiere freiwillig ist, schütten sie Glückshormone aus und freuen sich auf die Interaktion mit den TrainernÜber 150 Experten betonen die Wichtigkeit von Meeressäuger-Haltung in seriös geführten zoologischen Einrichtungen.

Auch seriöse Tierschutzorganisationen, wie die American Humane Society, stellen sich deutlich auf die Seite der ordentlich geführten Delfinarien sowie der von Zoos und Aquarien generell, die diese und andere Wale beherbergen. Rückenwind erhielt diese Position auch durch eine umfassende Tierwohl-Studie zum Thema:

Somit gibt es gar keine echte Basis für den Populismus der Tierrechtsindustrie und ihrer Kollaborateure gegen die Haltung von Delfinen und anderen Walen in seriösen Institutionen. Es ist vielmehr solchen Haltungen zu verdanken, dass man heute so viel über Wale weiß und sie deutlich besser schützen kann. Die Haltung dieser Tiere in Zoos und Aquarien verbieten zu wollen, bedeutet sich gegen den umfassenden Schutz dieser Tiere einzusetzen. Dort, wo der Tierrechtsindustrie gelungen ist, Verbote in legislative Praxis zu gießen, wie in Frankreich oder Kanada, steht nun das Leben von Tieren auf dem Spiel. Das kann kein Wal der Welt brauchen.

Spielen mit Emotionen & falschen Narrativen

Kein moderner Zoo unterstützt solche Vorgänge wie in Taiji | Foto: VanessaNYC07, Lizenz: CC BY-SA 4.0

WDC setzt voll auf Emotionen, um an Spenden zu kommen. So versucht man natürlich auch wieder einen „Zusammenhang von Delfinarien und Treibjagden in Taiji“ darzustellen. Allein schon der Hinweis darauf, schürt verständlicherweise Emotionen. Der härteste Schlag gegen die Walfänger in Taiji aber kam durch den Weltzooverband zustande. Dem voran ging ein Kampf von Delfinarien, gerade auch denen in Deutschland, gegen Treibjagden. Schon bevor 2009 der Film „The Cove“/“Die Bucht“ herauskam, hatten sich die seriösen Delfinarien schon gegen den Fang in Taiji deutlich positioniert.

Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm umfasst zudem nur Atlantische Großtümmler, die selbstredend im Pazifik, wo Taiji liegt, auch gar nicht vorkommen. Gleichwohl wirkte der genannte Film leider unter den unseriösen Institutionen eher wie Werbung. Heute lebt die von allen seriösen Zoos und Aquarien schon lange verurteilte Industrie vor allem von der durch den Film vorangetriebenen Internationalisierung des Geschäfts. Bis heute feiern die Tierrechtsindustrie und ihre Kollaborateure den Film aber trotzdem.

Der Umgang damit ist aber ein schönes Beispiel dafür, wie WDC so mit den Fakten umgeht. Alles wird einem Narrativ untergeordnet, das vor allem die Menschen zum Spenden bringen soll. Sowas passiert im Bereich der Tierrechtsindustrie und ihrer Kollaborateure generell unter dem Deckmantel von Tierschutz. Wohl sehr zutreffend in Worte gefasst hat das Prinzip hinter dieser Strategie die Tierrechtsfunktionärin Kellie Heckman: „Wissen Sie, die meisten von uns kamen ins Tierschutz-Geschäft, wissen Sie, aus einem Grund: Es ist weil wir Geld lieben.“ Wer Geld liebt, dem wird einseitige Darstellung nützlich sein.

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