Exklusiv für zoos.media – 07.01.2026. Autor: Philipp J. Kroiß
„Wikie (geboren im Juni 2001) und Keijo (geboren im November 2020) sind Mutter und Sohn“, schrieb das Whale Sanctuary Project in Berufung auf Lori Marino auf Facebook. Keijo wurde aber 2013 geboren.

Kennt das Whale Sanctuary Projekt nicht mal Keijos richtiges Alter?
In Bezug auf eine angebliche Entscheidung der französischen Regierung will das Whale Sanctuary Project wohl jetzt richtig groß auftrumpfen, um Spenden zu sammeln. Dabei scheitert das Projekt anscheinend schon an grundlegenden Fakten. Dabei geht es nicht um einen kleinen Tippfehler, sondern, ob Keijo 2020 oder 2013 geboren ist, macht einen sehr, sehr großen Unterschied. Das ist aber nicht der einzige Fehler in dem Beitrag.
Orcas intelligenter als Menschen?

Im gleichen Facebook Beitrag wird behauptet, dass die „Intelligenz und Gehirnkapazität“ von Orcas sich sowohl parallel zur menschlichen entwickelt hätten „als auch diese übertrifft“. Das stimmt eben einfach nicht. Delfine sind in etwa so intelligent wie Hühner, nicht wie Menschen. Das hat Justin Gregg in seinem Buch „Are Dolphins Really Smart?: The mammal behind the myth“ schon vor Jahren dargelegt.
Vielleicht steckt aber für das Projekt durchaus Wahrheit darin. So könnte man sarkastisch anmerken: „Wenn ein Projekt es nicht mal fertig bringt von zwei Tieren, die man angeblich retten will, das Geburtsjahr richtig abzuschreiben, wirken Delfine vielleicht aus dieser Warte intelligenter als man selbst.“ Allerdings versteht nicht jeder Sarkasmus. Daher lässt man es besser. Der eigentliche Punkt ist auch ein anderer.
Ebenfalls wird behauptet, dass für Orcas das „Leben für sie als Individuen genauso bedeutsam ist wie unseres für uns“. Wie bedeutsam ist das Leben denn „für uns“ als Menschheit? Das kann man gar nicht so leicht beantworten. Es ist gibt unterschiedliche Kulturen: Leben hat im Christentum eine andere Bedeutung als im Islam und im Buddhismus. Hier wird aber so getan, als sei das bei allen gleich. Das macht auch diese Aussage falsch. Es ist ein fragwürdiger Kollektivismus, der aus solchen Aussagen spricht.
Durchschaubare Masche

Die Intention hinter solchen Formulierungen ist offensichtlich. Man will möglichst alle hinter dieser Intention des Projekts kollektivieren. Dass man zum Beispiel bei der Analyse von Gehirnen toter Tiere nicht wirklich praktische Erfahrung für die Haltung lebender Tiere sammelt, soll da nicht hinterfragt werden. Am Besten auch nicht folgende Aussage: „Ihre Geschichte ist, wie die aller anderen in Gefangenschaft lebenden Orcas, eine Geschichte von auseinandergerissenen Familien, Krankheit und vorzeitigem Tod.“
Gemeint sind damit Wikie und Keijo, die nie in Gefangenschaft leben, sondern in Menschenobhut. Allerdings wird vom Whale Sanctuary Project verschwiegen, dass es in der Natur ja genauso ist. Dort werden Orca-Gruppen genauso zerrissen von „Krankheit und vorzeitigem Tod“. Das passiert auch nochmal sehr besonders da, wo das Projekt seine Netzkäfige aufbauen will. Dort ist nämlich das Gewässer stark belastet, was wiederum schon die wildlebenden Tiere beeinträchtigt. Das betrifft nicht nur die Orcas.
Atlantische Nordkaper zum Beispiel sollten in Nova Scotia eigentlich über 100 werden, aber die Wale werden meist nur 22. Das Marineland Canada hatte schon 2021 erklärt, dass der geplante Ort vom Whale Sanctuary Project viel zu verschmutzt sei, um Wale zu beherbergen. Richtig zerstreuen konnte das Projekt diese Realitäten nie. Schon das nicht funktionierende Beluga-„Sanctuary“ in Island scheitert im Rinnstein einer der am stärkten befahrenen Wasserstraße der Region. Warum sich die Tierrechtsindustrie gerne so schlecht geeignete Orte aussucht, ist fraglich.
Wissenschaft erteilt Absage and Sanctuary-Idee

Wissenschaftlich kommt die Sanctuary-Idee der Tierrechtsindustrie, die sich auch in dem Whale Sanctuary Projekt verwirklichen will, nicht gut weg. Arbeiten wie Bruck (2024) sowie Almunia & Canchal (2025) konnten nichts als die ungenügende praktische Funktionalität solcher Projekte attestieren. Die Pläne, die die Tierrechtsindustrie vorgestellt hat, sind schlicht nicht belastbar.
Natürlich wird das aber von der Tierrechtsindustrie geleugnet. Damit es das aufrecht erhalten kann, verschließt sich das Projekt sogar der Diskussion mit einem der Top-Experten in der Frage. Das ist natürlich zweckmäßig. In seiner Arbeit hat Dr. Jason Bruck die Pläne vom Whale Sanctuary anhand der Realität der Wal-Haltung pulverisiert. Sie halten einer Prüfung anhand der Wirklichkeit wohl einfach nicht stand.
Die Anpassung von Wikie und Keijo an kaltes Wasser ist unrealistisch. Warum? Ihr Zustand kann den Aufbau einer schützenden Fettschicht für die deutlich tieferen Temperaturen in Kanada verhindern. Dass die beiden die notwendige biologische und erfahrungsbasierte Anpassungsfähigkeit dafür besitzen, ist unwahrscheinlich. Das setzt sie einem sinnlosen Unterkühlungsrisiko aus. Dieses unnötige Risiko existiert in Menschenobhut, wie etwa im Loro Parque, nicht.
Verbringung der Orcas unklar

So klar, dass Wikie und Keijo je nach Kanada kommen, wie das Whale Sanctuary Project (WSP) es darstellt, ist es gar nicht. Einmal ist fraglich wie das Projekt die Haltung finanziell stemmen will, aber das Problem fängt noch viel früher an. Die beiden Orcas gehören Frankreich nicht. Schon das Verhindern des Transportes ist fragwürdig vor dem Hintergrund von EU-Recht. Artikel 34 AEUV verbietet Einfuhrbeschränkungen zwischen Mitgliedstaaten. Ein von einem Mitgliedstaat verhängtes Transportverbot für Ausfuhren in einen anderen Mitgliedstaat würde den Handel behindern und somit gegen diese Bestimmung verstoßen.
Der Transport der Orcas selbst stellt eine grenzüberschreitende Dienstleistung dar. Ein Verbot dieser Dienstleistung könnte auch einen Verstoß gegen Artikel 56 AEUV darstellen. Darüber hinaus könnte die Verordnung (EG) Nr. 1/2005 über den Schutz von Tieren beim Transport gegen die Entscheidung Frankreichs herangezogen werden, denn, wenn der Transport alle Anforderungen dieser Verordnung erfüllt und der Staat dennoch ein Verbot ausspricht, das nicht auf den darin vorgesehenen Gründen beruht, könnte dies einen Verstoß gegen eine unmittelbar geltende EU-Verordnung darstellen.
Natürlich gibt es in der EU auch Eigentumsrechte. Die Tiere gehören, wie erläutert, nicht dem Staat. Artikel 17 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union ist dabei relevant. Das staatlich verhängte Transportverbot schränkt die „Nutzung“ des Tieres faktisch ein. Das wiederum könnte eine Verletzung der Eigentumsrechte darstellen. Somit bietet das EU-Recht einen bunten Blumenstrauß an Möglichkeiten, gegen Frankreich vorzugehen. Das müsste vor so einer Verbringung alles geklärt werden.
Passt das Projekt zu kanadischem Recht?

Sollte man die juristischen Hürden in Frankreich irgendwie – wenn auch unwahrscheinlich – überwinden können, gibt es dann auch noch genug in Kanada. Kanadier vor Ort haben schon angekündigt, die Entscheidung des Kabinetts von Neuschottland, den Pachtvertrag ohne die ihrer Ansicht nach erforderliche einstimmige Zustimmung der angrenzenden Grundstückseigentümer zu erteilen, gerichtlich anzufechten. Obsiegen sie, könnte der erteilte Pachtvertrag für das WSP für ungültig erklärt werden. Damit verlöre das Whale Sanctuary Project ihre Rechtsgrundlage für die Nutzung des Land und der Gewässer.
Die Umsiedlung von Walen erfordert Einzelgenehmigungen des Fischerei- und Ozeanministeriums (DFO). Dabei werden die potenziellen ökologischen, krankheitsbedingten und genetischen Risiken jeder einzelnen Umsiedlung bewertet. Für das Projekt ist ferner eine Genehmigung von Transport Canada gemäß dem Schifffahrtsgesetz erforderlich. Es ist fragwürdig bis unwahrscheinlich, ob es diese Erlaubnisse für das Whale Sanctuary Project je geben wird.
Selbst, wenn es gebaut würde, hören die rechtlichen Probleme nicht auf: Unvorhergesehene umweltbedingte Komplikationen oder die Nichteinhaltung von Auflagen könnten zu behördlichen Stopps oder Verzögerungen führen und somit den Projektzeitplan und die Kostendeckung gefährden. Dafür müsste das Projekt entsprechende Rücklagen bilden. Es hat bisher aber kaum mehr als ein Zelt und recht hohe Funktionärsgehälter finanzieren können.
Chronologie des Scheiterns

Vor dem Hintergrund ist es sehr wahrscheinlich, dass das Whale Sanctuary Project wahrscheinlich ähnlich schiffbrüchig wird, wie andere Projekte vor ihm. Millionen von Spenden, die eigentlich sinnvoll hätten verwendet werden können, gehen unter. Den berühmten Orca Keiko hatte die Industrie verenden lassen, weil man lieber das Märchen von seiner „Freiheit“ verkaufen wollte, wenn man den Fall mal pointiert zusammenfassen möchte. Wer mehr über den Fall erfahren will, findet hier einen genauen Blick auf die Umstände des Todes von Keiko damals.
Ebenfalls mit einem Freiheitsmärchen sorgte die Tierrechtsindustrie für Tod von 10 Orcas, die man aus dem „Whale Jail“ „befreite“. Tatsächlich schickte man sie in den Tod. Mit dem Märchen sich angeblich so gut und so viel besser um Orcas kümmern zu können, verkaufte man zwei „Rettungen“ von jungen Orcas in Neuseeland und deren „Haltung“ in Swimming-Pools als große Errungenschaft und Grund für Spenden. Natürlich überlebten die Tiere nicht.
Vor gar nicht allzu langer Zeit starb die Orca-Dame Lolita in einer von Aktivisten geführten Haltung. In der Haltung echter Experten hatte sie zuvor etliche Jahrzehnte überlebt. Auch länger als seine wilden Artgenossen überlebte der Orca Kshamenk. Politische Fehlentscheidungen und Fehlinformationskampagnen der Tierrechtsindustrie blockierten eine Verbesserung seiner Situation. Das zeigt wie gefährlich einer Verquickung von Politik und Tierrechtsindustrie für Orcas ist. Für solche Aktionen wurden Millionen gesammelt und verschwendet.
Seriöser Spendenaufruf?

Im Hinblick auf die Fakten und Historie, drängt sich natürlich die Frage auf, wie seriös es dann überhaupt vom Whale Sanctuary Project ist, zum Spenden aufzurufen. Es sieht wohl viel mehr nach dem nächsten Millionengrab aus, das Tieren nicht hilft. Aber man konnte bei dem eingangs erwähnten Post einen Mangel an Seriosität auch schon vorher begründet vermuten.
So ist schon diese Kollektivierung von Menschen in Bezug auf angebliche, wissenschaftliche Erkenntnisse zur Intelligenz von Orcas schon fragwürdig. Dann ist das falsche Geburtsjahr von Keijo auch entlarvend gewesen. Jetzt wird die Frage immer drängender, warum die französische Regierung vor dem Hintergrund von all dem ernsthaft in Erwägung ziehen kann, dieses Projekt zu unterstützen.
Vor dem Spenden an das Whale Sanctuary Project kann man so letztendlich durchaus begründet warnen. Das Geld wird in anderen Projekten, die effektiven Walschutz betreiben, viel dringender benötigt. Für die Unterbringung von Wikie und Keijo gibt es eine bessere Option. Sie könnten schon lange ein besseres Leben in einer bereits existenten, tierschutzzertifizierten Haltung haben.
