Blick von hinter den Kulissen auf ein volles Orca-Stadion im Marineland Antibes | Foto: E v Schoonhoven, Lizenz: CC BY 3.0

Orcas in Frankreich: Angeblicher runder Tisch wirft Fragen auf

Exklusiv für zoos.media – 13.12.2025. Autor: Philipp J. Kroiß

Das Whale Sanctuary Project, Marineland Antibes und die französische Regierung sind angeblich eingeladen eine Strategie zu entwickeln, die Orcas in eine Netzkäfig-Haltung in Neuschottland zu bringen.

Orca im Marineland Antibes (2009) | Foto: avu-edm, Lizenz: CC BY 3.0

Orcas in Frankreich: Angeblicher runder Tisch wirft Fragen auf

Ist wirklich kein Pferd tot genug, sodass die französische Regierung darauf nicht mehr reiten will oder ist das nur ein weiterer Versuch vom Whale Sanctuary Projekt in der Weihnachtszeit ein paar Spenden abzugreifen? Das weiß aktuell niemand so genau. Dadurch, dass die Meldung vom WSP am Freitag kam, wird man auch erstmal nicht nachfragen können und bis das wieder möglich ist, wird die News schon wieder alt und etwaige Spenden längst passiert sein. Es gibt begründete Zweifel an der Geschichte, die das Whale Sanctuary erzählt.

Transport zu lang?

SeaWorld San Diego: Orca zeigt großes Vertrauen zu seiner Trainerin | Foto: svabo, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es war die französische Regierung selbst, die zum Beispiel eine Verbringung der Tiere an Orte jenseits vom Atlantik als zu lange bezeichnete. Darüber berichtete das Marineland Antibes in einem offenen Brief. So stoppte das Ministerium einen Transport etwa in das akkreditierte Kobe Suma Sea World (KSSW) mit dem Argument, dass die Transportzeit zu lange sei, obgleich sie sogar kürzer gewesen wäre als vorgeschrieben.

Anschließend hieß es, man wollte nur innerhalb der EU einen Transport erlauben. Dann aber kam der Vorschlag seitens des Ministeriums, die Tiere doch nach SeaWorld San Diego zu bringen. Das hätte eine ähnliche Transport-Dauer wie nach Japan bedeutet, die dem Ministerium doch vorher mal viel zu lang gewesen war. Solche Possen zeigen, wie sich die französische Politik ständig selbst widerspricht.

Es ist aber festzustellen, dass ein Transport der Tiere nach Neuschottland gegen eigene Äußerung der französischen Regierung verstoßen. Sollte es also diesen runden Tisch geben, könnte sich die französische Regierung in diesem Vorgang einmal mehr der Lächerlichkeit preisgeben. Das ist nicht ausgeschlossen, aber wäre auch wiederum sehr ungeschickt.

Wissenschaft spricht dagegen

Großes Schiff direkt neben dem Beluga Whale Sanctuary (rechter Bildrand) im Juni 2024 | Foto: Hornstrandir1, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Mit dem schönfärberischen Begriff „Sanctuary“ meint die Tierrechtsindustrie üblicherweise Tierhaltungen unter gängigen Standards. Bei Walen bezieht sich das auf Netzkäfige, die nicht mal die grundlegenden, wichtigen Standards für gute Wal-Haltung einhalten können. Längst hat auch die Wissenschaft solchen Projekten eine klare Absage erteilt. Arbeiten wie Bruck (2024) sowie Almunia & Canchal (2025) konnten nichts als die praktische Unfunktionalität solcher Projekte attestieren.

Die Pläne, die die Tierrechtsindustrie vorgestellt hat, sind schlicht nicht belastbar. Natürlich wird das aber von der Tierrechtsindustrie geleugnet. Damit es das aufrecht erhalten kann, verschließt sich das Projekt sogar der Diskussion mit einem der Top-Experten in der Frage. Das ist natürlich zweckmäßig. In seiner Arbeit hat Dr. Jason Bruck die Pläne vom Whale Sanctuary anhand der Realität der Wal-Haltung pulverisiert. Sie halten einer Prüfung anhand der Wirklichkeit wohl einfach nicht stand.

Wenn die französische Regierung also nun doch wieder das tote Pferd Sanctuary reiten wollen würde, täte sie das entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Kann sich die französische Politik so eine Glaubwürdigkeitskrise leisten? Es gibt durchaus bereits Probleme mit dem EU-Recht in dieser Frage. Das Marineland Antibes hat bereits hingewiesen, dass es die Grundlage in Frage stellt, weshalb der Transport innerhalb der EU, der vorgeschlagen wurde, nicht erlaubt würde.

Wesentliche Probleme bleiben ungelöst

Springende Schwertwale in Marineland Antibes | Foto: Andreas Ahrens, Lizenz: CC BY 2.0

Keijo und Wikie leiden aktuell hauptsächlich unter schlechten Wasserwerten und dem Umstand, dass sie einzige Gesellschaft sie selbst sind. Die Orcas, die wild in Neuschottland leben, gehören zur am heftigsten von Umweltverschmutzung betroffenen Orca-Population der Welt. Das Whale Sanctuary Project war ja auch mal für Belugas geplant. In gewisser Form ist es das bis heute. So richtig klar, welche Wale man halten will, ist man sich wohl noch immer nicht.

Auf jeden Fall hat das Marineland Canada schon 2021 erklärt, dass der geplante Ort viel zu verschmutzt ist, um Wale zu beherbergen. Das gilt nicht nur für Belugas, sondern auch für Orcas. Also wirklich in besserem Wasser würden Keijo und Wikie im Netzkäfig nicht leben. Es würde sie, wie alle anderen Wale dort auch, krank machen. Die französische Regierung würde die Tiere also der Vergiftung überantworten.

Zudem leidet besonders Wikie unter der durch ihre Gesellschaft bedingte Medikamentengabe. Natürlich muss man Inzucht verhindert. Dafür bekommt sie Medikamente, die nur als Kurzzeitkontrazeptiva ausgelegt sind. Diese Medikation müsste – samt Nebenwirkungen – weitergehen, weil allein kann man sie auch nicht halten. Wenn also ihr Sohn die einzige Gesellschaft bleibt, die sie bekommt, muss die Gabe der Kontrazeptiva genauso weitergehen wie das sexuelle Stimulieren von Keijo, zu dem aktuellen Trainer ebenfalls gezwungen sind. Für die Tiere würde sich also nichts zum Guten wenden.

Die Geld-Frage

US-Dollars in Händen | Foto: 401(K) 2012, Lizenz: CC BY-SA 2.0

In seiner Veröffentlichung wies Dr. Bruck auch auf Geld-Probleme vom Whale Sanctuary Project hin: „Das Whale Sanctuary Project ist vollständig auf Spenden angewiesen; allerdings hat es bis 2023 lediglich ein Besucherzentrum errichtet. Im Jahr 2020 flossen rund 32,7 % des Betriebshaushalts in die Gehälter der Führungskräfte (insgesamt 246.666 US-Dollar)“. Dieses Zentrum ist allerdings nicht viel mehr als ein Zelt.

Das Beste Jahr brachte, laut Bruck, dem WSP 1.540.241 US-Dollar. Das wird zu wenig sein, um dieses Netzkäfig-Projekt zu bauen und die Tiere langfristig zu versorgen. Bisher versorgt das Projekt zu einem großen Teil eher die eigenen Funktionäre als Wale. Dabei lebt das Projekt immer wieder von der Behauptung, dass es ja irgendwann mal Realität werden könnte. Das WSP verkauft eine zweifelhafte Hoffnung. Die Meldung, dass es nun angeblich doch einen runden Tisch geben soll, hilft natürlich bei diesem Verkaufen.

Könnte alles also am Ende eine Finte sein? Die Möglichkeit besteht. Allerdings besteht eben auch die Möglichkeit, dass die französische Regierung sich tatsächlich entschieden hat, mit dem toten Pferd Sanctuary noch mal durch die Arena zu reiten. Tut sie das, dann macht sie einen großen Fehler. Dieser Fehler geschieht auf Kosten der Tiere. Ein Transport in dieses Netzkäfig-Projekt wird Tierquälerei bedeuten. Da kann man sich mit dem Greenwashing noch so viel Mühe geben.

Die nächsten Opfer der Tierrechtsindustrie?

Der Orca Keiko bezahlte das Scheitern des Auswilderungsversuchs mit seinem Leben. | Foto: U.S. military or Department of Defense, Lizenz: public domain

Es wäre bei Wikie und Keijo nicht das erste Mal, wenn am Ende von Versprechungen der Tierrechtsindustrie der Tod von Tieren stünde. Den berühmten Orca Keiko hatte die Industrie verenden lassen, weil man lieber das Märchen von seiner „Freiheit“ verkaufen wollte, wenn man den Fall mal pointiert zusammenfassen möchte. Wer mehr über den Fall erfahren will, findet hier einen genauen Blick auf die Umstände des Todes von Keiko damals.

Ebenfalls mit einem Freiheitsmärchen sorgte die Tierrechtsindustrie für Tod von 10 Orcas, die man aus dem „Whale Jail“ „befreite“. Tatsächlich schickte man sie in den Tod. Ebenso unfähig in der Natur zu überleben wie Keiko, verschwanden die Tiere nach und nach. Sie wurden nie wieder gesehen, obgleich die Population dort sehr engmaschig überwacht wird. Wären sie noch am Leben, hätte man sie sehen müssen.

Mit dem Märchen sich angeblich so gut und so viel besser um Orcas kümmern zu können, verkaufte man zwei „Rettungen“ von jungen Orcas in Neuseeland und deren „Haltung“ in Swimming-Pools als große Errungenschaft und Grund für Spenden. Natürlich überlebten die Tiere nicht lange. Obduktionen ging man durch Verweis auf lokale Traditionen aus dem Weg. Vor gar nicht allzu langer Zeit starb die Orca-Dame Lolita in einer von Aktivisten geführten Haltung. In der Haltung echter Experten hatte sie zuvor Jahrzehnte überlebt.

Tieren könnte es längst besser gehen

Die Zukunft der Orcas vom Marineland ist aktuell unsicher. Der Lösung, sie in den Loro Parque zu bringen, wo eben genau die wesentlichen Probleme der Tiere gelöst würden, ist aktuell auch nicht vom Tisch. Das zweite Transportersuchen ist noch in der Schwebe. Es gibt auch keine seriös vertretbaren Gründe es abzulehnen. Nach wie vor läuft auch ein Verfahren dazu, wie das erste Transportersuchen – wohl auf Basis falscher Informationen – scheitern konnte.

Handelt es sich also um ein Manöver vom Whale Sanctuary Project, nun von dem angeblich geplanten runden Tisch zu sprechen, um das in der Weihnachtszeit oft loser sitzende Geld abzugreifen? Das wird nur die Zukunft zeigen können. Eine seriöse Lösung hat das Projekt bisher zumindest noch nie präsentieren können. Die Sanctuary-Idee der Tierrechtsindustrie scheiterte nicht nur bislang immer für Orcas, auch in Bezug auf Elefanten und Großprimaten liefert sie keine überzeugenden Ergebnisse.

Politisches Scheitern

Die Leidtragenden in dieser Frage sind in erster Linie aktuell Wikie und Keijo. Ihnen könnte es längst besser gehen. Die beiden Orcas könnten schon lange in einer besseren Haltung wohnen. Stattdessen sind sie nach wie vor Geiseln der der französischen Politik. Daran wird sich auch erstmal wenig ändern. Somit ist es für die Tiere auch gerade recht egal, ob es sich um eine Spendensammel-Finte handelt oder nicht. Sie sind weiter in so etwas wie politischer Gefangenschaft. Verursacher dessen ist die Tierrechtsindustrie. Ihr haben es die Tiere zu verdanken, dass sie in dieser Situation stecken.

Das sinnlose Leid der Orcas hat die Maske fallen lassen. Wann aber realisiert das die französische Politik? Das wird das Schicksal der Tiere entscheiden. Jeder Tag, der verstreicht, macht die Aussichten der Tiere schlechter. Ihre Uhr tickt. Die Zeit von Wikie und Keijo läuft ab. Noch aber haben sie auch eine Chance.

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