Exklusiv für zoos.media – 14.12.2025. Autor: Philipp J. Kroiß
„Ein Orca, der mit Delfinen lebt“, wird von Robert Marc Lehmann in einem Short auf dem @MissionErde-Kanal als was Besonderes verkauft. Dabei kennt die Wissenschaft das Phänomen schon lange. Das ist aber nicht alles, was im Video schief läuft.

„Nein, das kann nicht sein!“: Robert Marc Lehmann, Orcas und(?) Delfine
Der YouTuber Robert Marc Lehmann wird immer wieder als Meeresbiologe bezeichnet. Theoretisch kann sich jeder Meeresbiologe nennen, auch, wenn man darin keinen Abschluss vorweisen kann. Lehmanns Abschlussarbeit beschäftigte sich mit Flusskrebsen.
Orcas sind Delfine

Meeresbiologen wissen gemeinhin, dass jeder Orca auch ein Delfin ist. Jeder Orca lebt also mit Delfinen, sobald er in einem Pod ist. Somit macht allein die Überschrift des Shorts keinen echten Sinn. In dem Kurzvideo von Mission Erde reagiert Lehmann auf ein anderes Video. In dem geht es unter anderem um eine Gruppe, in der ein Orca mit Weißseitendelfinen lebt. „Orcas essen Delfine“, behauptet Lehmann und das wäre ja so ungewöhnlich, wenn quasi der Jäger mit der potentiellen Beute lebe. Die Sprecherin des Videos, auf das er reagiert, erklärt, es handele sich dabei um eine „mixed-species group“ (MSG). Er daraufhin: „Wieso hab ich davon noch nie was gehört?“
Das fragt sich wahrscheinlich jeder. Die Interaktion von Orcas mit anderen Meeressäuger beschäftigt die Wissenschaft etwa seit dem 16. Jahrhundert. Im späteren 20. Jahrhundert schaute die Wissenschaft dann mehr auf die artengemischten Gruppen. Jefferson , Stacey & Baird (1991) sammelten und analysierten Berichte über Orca-Interaktionen mit 63 anderen Meeressäugerarten weltweit. Die Autoren stellten damals bereits fest, dass viele Interaktionen eben nicht in einer Jagd auf die anderen Meeressäuger endeten und beschreiben „mixed groups“.
Solche MSGs kennt die Meeresbiologie also schon recht lange – nicht nur bei Orcas. Ferner kennt man aus dem Meer auch spannende Symbiosen. So ist zum Beispiel der Putzerlippfisch theoretisch eigentlich ein netter Happen für eine Muräne und kann das unter Umständen auch werden. Durch den Mutualismus, der beide Arten quasi verbindet, ist der lebende Fisch für die Muräne aber deutlich nützlicher. Also auch Assoziationen von Jägern und potentieller Beute kennt die Meeresbiologie.
Ist das wirklich so ungewöhnlich?
Als Meeresbiologe weiß man wohl üblicherweise, dass es nicht den Orca schlechthin gibt. Einzelne Ökotypen und Formen, die manchmal auch als (Unter-)Arten bezeichnet werden, unterscheiden sich sehr, auch, was ihre Beute anbelangt. Manche jagen andere Meeressäuger, wieder andere Fische jeweils unterschiedlicher Größe. Dazu passt eine Studie, die vor gar nicht allzu lange Zeit für Schlagzeilen sorgte.
Das Wesentliche an dieser Arbeit der Forscher war die Dokumentation von kooperativer Lachs-Jagd von Orcas und anderen Delfinen. Direkt in der Einleitung der Arbeit beschreiben die Wissenschaftler, dass Pazifische Weißseitendelfine und die als „Northern Residents“ bezeichnete Schwertwal-Form vor Ort „oft nur wenige Meter voneinander entfernt anzutreffen sind“. Also, dass sich Weißseitendelfine und Orcas in Gruppen zusammenfinden, war nie neu. Warum Robert Marc Lehmann davon „noch nie was gehört“ haben will, ist somit schleierhaft. Die Meeresbiologie kennt das schon lange.
Im Video, auf das Lehmann reagiert, geht es anscheinend um Old Thom. Das ist eigentlich ein ziemlich bekannter Schwertwal, der seit 2022 sogar einen englischsprachigen Wikipedia-Eintrag hat. Er ist seit 2006 ziemlich bekannt – übrigens unter anderem auch durch das Wal-Monitoring vom New England Aquarium. Wieso ein Meeresbiologe mit angeblich so großem Interesse an Orcas von dem Tier noch nichts gehört haben will, ist fraglich.
Wo bleibt die Meeresbiologie?
Während man als Meeresbiologe bezeichnet durch Deutschland mit MISSION ERDE LIVE touren will, geht also so ein Video online. Würde man es positiv ausdrücken wollen, müsste man wohl den Mut betonen. Old Thom gehört nicht mal zu den Orca-Populationen, die Delfine fressen würden, sondern das Tier wird als fischfressender Resident üblicherweise eingestuft. Also auch diese Geschichte von einer Jäger-Beute-Assoziierung ist gar nicht gegeben. Dieser Orca würde nie Delfine fressen.
Orca-Symposium: Robert Marc Lehmann nach Vortrag vom Loro Parque sprachlos?
Immer wieder erlebt man, wie auf dem Kanal von Mission Erde so getan wird, als wüsste man so viel besser als Experten von Zoos und Aquarien, was gut für Orcas ist. Nun sieht man auf dem gleichen Kanal so ein Video, das wesentliche Grundkenntnisse über die Tiere offensichtlich vermissen lässt. Wenn Laien sowas nicht wissen, kann man das als okay ansehen. Das muss ein Laie vielleicht auch nicht wissen. Bei einem Biologen sieht das aber wohl schon etwas anders aus. Bei einem Meeresbiologen, der so in die Medien geht, wohl nochmal mehr.
Man fragt sich also, welche tatsächliche Basis die Aussagen von Mission Erde über Orcas haben können, wenn solche letztendlich ziemlich falschen Videos online gehen. Dabei geht es um Grundwissen in dem Bereich. Natürlich kann man in der Mathematik auch Kurvendiskussionen durchführen ohne das Einmaleins zu kennen, aber sonderlich sinnvolle Ergebnisse werden dann nicht herauskommen. So könnte man wohl das Gebaren von Mission Erde auf dem Kanal pointiert in ein Bild fassen.
